Die etwas andere Kirche – Santa Maria de Rapa Nui

Mehr als 20 Jahre hat es gedauert bis ich zum zweiten Mal die Osterinsel (Rapa Nui) besuche. Es hat sich einiges geändert: Die meisten Straßen wurden geteert, es sind Restaurants, Cafes und Unterkünfte aller Art hinzugekommen. Die Einwohnerzahl hat sich verdoppelt, heute leben 6000 Menschen auf der 164 km² großen Insel, davon sind etwa 2000 Rapanui – die Ureinwohner. Sie sind die Nachfahren der ersten Siedler, die etwa um 600 n.Chr. aus dem Polynesischen Raum, möglicherweise von den Marquesas kamen. Von ihrer ursprünglichen Kultur ist wenig überliefert, da es keine Aufzeichnungen aus dieser Zeit gibt und die Bewohner durch Sklavenhandel und eingeschleppte Krankheiten wie die Pocken im 19. Jh. auf 110 reduziert wurden. Heute versuchen die Menschen zu bewahren was von ihrem kulturellen Erbe geblieben ist. Für Touristen sind natürlich zunächst die beinahe 900 über die Insel verteilten Statuen, die Moais, interessant. Wegen ihnen kommen die meisten.

Osterinsel, Ahu Tongariki

Wer aber einen kleinen Einblick in die heutige Kultur, Sitten und Gebräuche bekommen möchte, geht in die katholische Kirche. Schon am Eingang der „Santa Maria de Rapa Nui“ wird sichtbar, wie sehr sich hier Christentum und polynesischer Götterglaube vermischen: Osterinsel, Hanga Roa, Santa Maria de Rapa NuiDie Front zieren eben christlichen Symbolen wie Kreuz, Gesetzestafeln und Engeln vor allem Artefakte aus dem Götterhimmel der Rapa Nui: Vogelmänner (tangata manu) und Zeremonialpaddel (Ao).

Osterinsel, Hanga Roa, Santa Maria de Rapa Nui

Das Innere der Kirche ist schlicht gehalten. Es gibt ein paar geschnitzte, polierte Holzstatuen. Die markanteste für mich ist die Marienstatue mit dem Jesuskind auf ihrem Arm. Ihre Gesichtszüge erinnern stark an einen Moai. Ihren Kopf ziert ein mit Halbkugeln geschmückter Stirnreif und ein Band aus weißen Federn. Daraus wächst ein Vogel mit ausgebreiteten Flügen. Diese Marienstatue gilt als die erste christliche Statue die auf der Osterinsel geschnitzt wurde.

Daneben gibt es die Darstellung möglicherweise Osterinsel, Hanga Roa, Santa Maria de Rapa Nuieines Bischofs. Anstelle seines Kopfes sitzt ein Vogelkopf – er sieht aus wie der Vogelmann (tangata manu), allerdings ist er bekleidet mit dem Gewand eines katholischen Geistlichen. Der Vogelmann galt in der Mythologie der Osterinsel als Mittler zwischen den Menschen und dem Schöpfergott Makemake.

Zur Geschichte des Gottes Makemake lese ich in Wikipedia: „Nachdem Makemake die Erde erschaffen hatte, spürte er, dass etwas fehlte. An jenem Tag erkannte er in einer wassergefüllten Kalebasse sein Spiegelbild. Da in jenem Moment ein Vogel auf seiner Schulter landete, sah er sein Gesicht mit Flügeln und Schnabel. Er hauchte dem Osterinsel, Hanga Roa, Santa Maria de Rapa NuiAbbild Leben ein und es ward sein Erstgeborener. Dann wollte Makemake ein Wesen schaffen, das reden konnte wie er und er hauchte dem Wasser Leben ein, so dass der Fisch entstand. Aber das Resultat war nicht das gewünschte und so hauchte er auch einem Stein an Land Leben ein und so wurde der erste Mensch erschaffen. Als Makemake sah, dass der Mann einsam war, erschuf er die Frau. Makemake gab ihnen Rapanui als ihr Land.“ Natürlich darf dieser Schöpfergott auch in der Kirche nicht fehlen: Er trägt das Taufbecken auf seinem Kopf.

Das Kirchengebäude fasziniert mich so, dass ich mich entschließe, in den Gottesdienst am Sonntagmorgen um neun Uhr zu gehen. Ich habe keine Ahnung was mich erwartet. Ich bin keine Kirchgängerin und noch dazu bin ich Evangelisch. So hoffe ich, dass ich mich in der Liturgie nicht sofort als „Ketzerin“ oute. Osterinsel, Hanga Roa, Santa Maria de Rapa NuiDer Priester, Padre Bernardo Asturdillo Basulto, kam 2009 vom chilenischen Festland in diese Gemeinde. Er ist also kein gebürtiger Rapanui. Schon um zehn vor neun bin ich im Haus Gottes und erwische gerade eben noch einen der allerletzten Plätze. Damit hatte ich nicht gerechnet. Viele weibliche Besucher tragen helle, freundliche Kleider oder Blusen; ihr Haar ziert eine meist hinter’s Ohr gesteckte einzelne Hibiskus- oder Frangipaniblüte. Andere tragen prachtvolle Blumenkränze um ihre Stirn. Die Männer haben bunte Hawaii-Hemden an. Dann beginnt der Gesang. In den ersten vier Reihen sitzt offensichtlich ein kleiner, aber stimmgewaltiger Chor. Begleitet werden die Sänger von Ukulelespielern und Trommlern. Pünktlich um neun Uhr zieht der Priester mit seinen Ministranten ein – begleitet vom fröhlichen Gesang des Chores. Bekleidet ist er mit einem lila Talar verziert mit einer Girlande aus Frangipani-Blüten. Die unglaubliche Krönung sitzt jedoch auf seinem Haupt: eine schneeweiße Federkrone! Er predigt im Plauderton in spanischer Sprache, aber es gibt auch vier Lesungen durch seine Ministranten in Rapanui. Dazwischen erschallen immer wieder fröhliche Gesangeinlagen des Chores ebenfalls in Rapanui. Rapanui ist ein polynesischer Dialekt, der nur auf der Osterinsel gesprochen wird. Kurz vor der Eucharistie erheben sich alle und schütteln dem vor, hinter, neben ihm Stehenden die Hand und wünschen sich den Frieden Gottes. Am Ende verlasse ich vollkommen beschwingt die Kirche. Ich habe mich kein bisschen fehl am Platz gefühlt, ganz im Gegenteil, ich gehörte dazu. Wie schön, dass ich zehn Tage auf Rapa Nui bin und nächsten Sonntag wieder teilnehmen darf.

collage_kirche2Wer keine Muße hat den Gottesdienst zu besuchen, sollte wenigstens dem Friedhof einen Besuch abstatten. Osterinsel, Hanga Roa, Friedhof TahaiEr liegt an der Küste auf dem Weg nach Tahai und wird seit mehr als 100 Jahren genutzt. Auch hier vermischen sich traditionelle Mythologie mit christlichen Artefakten. Jeder Grabstein erzählt eine ganz persönliche Lebensgeschichte. Vor vielen Gräbern gibt es eine Sitzgelegenheit – sei es ein einfacher Stein oder eine kunstvoll geschnitzte Holzbank.