Unter Vögeln – im Donaudelta

„Ab in die Walachei“, sage ich manchmal wenn wir auf’s platte Land fahren. Doch nun bin ich wirklich in der Walachei! Es gibt sie tatsächlich: Gemeint ist der flache Landstrich zwischen Bukarest und dem Donaudelta in Rumänien. Ich bin mit einer fröhlichen kleinen Gruppe von ambitionierten fotografierenden Hobbyornithologen unterwegs. Unsere Tour startet in Tulcea, dem Hauptort des Donaudeltas. Vom 8. Stock unseres Hotels blicken wir direkt auf einen der drei Hauptarme des Deltas: Den Saint-George-Arm.

Blick auf Saint Georg Arm
Blick auf Saint Georg Arm

Ansitz bei den Bienenfressern

Zur Einstimmung dürfen wir erst mal ansitzen. An Land. Und so sitze ich in einem Zelt. Recht bequem in einem Regiestuhl. Viel mehr passt aber auch nicht rein und aufrecht stehen kann ich auch nicht. Neben meinen Füßen liegt mein Rucksack, vor mir steht mein Stativ mit aufgesetzter Kamera. Ich hocke in einem Tarnzelt. Direkt vor mir erhebt sich die Steilwand eines aufgegebenen Löss-Steinbruchs. Hier haben Europäische Bienenfresser ihre Bruthöhlen.

Ansitz Bienenfresser
Ansitz Bienenfresser

Sie sind noch ziemlich weit weg, meine 800 mm Brennweite (400 mm mit 2x Extender) benötige ich in jedem Fall. Die Bienenfresser fliegen ihre gut einen Meter tiefen Höhlen kurz an, huschen hinein und sind genauso schnell wieder weg. Aber hin und wieder setzen sie sich auch auf einen Ansitzast. Das ist perfekt für mich, denn auf diesem steht meine Kamerapeilung. Es ist recht windig draußen und ständig weht eine blöde Grünpflanze vor meinem Objektiv. „So ein Mist“, denke ich, aber später am Rechner sehe ich, dass recht weiche Bilder entstanden sind. War doch nicht so schlecht.

In der Wand entdeckt die Mitreisende im Nebenzelt einen Steinkauz. Per Messanger-Mitteilung beschreibt sie die ungefähre Position. Gefunden. Der kleine Kerl hockt aufrecht im Höhleneingang und scheint vor sich hin zu dösen. Dann beginnt er sich zu putzen. Seinen Abflug verpasse ich leider.

Steinkauz
Steinkauz

Aus irgendeinem Grund drehe ich mich um und blicke durch das winzige Guckloch in meinem Rücken. Ein Ziesel verspeist gerade einen Grashalm. Leider gibt es im Zelt nur eine Öffnung für die Kamera – nämlich die nach vorn. Nach hinten komme ich nicht. Macht natürlich auch Sinn, sonst würde ich ja ständig das Stativ umpositionieren müssen. Diese Bewegung würde das Ziesel in Sekundenbruchteilen in seinem Loch verschwinden lassen. Außerdem würde ständige Unruhe im Zelt die Vögel in der Brutwand stören. Vögel, die am Nest gestört werden, könnten ihre Brut aufgeben und das will niemand von uns. So heißt es einfach ruhig sitzen bleiben und warten, bis sich vor der anvisierten Position etwas tut. Beim nächsten Ansitz sitze ich in einem anderen Zelt mit anderer Perspektive.

Vier Stunden in so einem telefonzellengroßen Ding hocken ist doch sicher langweilig, oder? Nach maximal einer halben Stunde hat man doch alles gesehen! Nein, keineswegs – wenn Du gern Tiere beobachtet und fotografierst. Es entschleunigt. Nicht nur die Bienenfresser, die Insekten für ihre Jungtiere anliefern sind interessant, auch die zahlreichen Stare, die in aufgegebenen Bienenfresserhöhlen ebenfalls Nachwuchs großziehen, sind sehr fotogen.

Unterwegs im Donaudelta

Am nächsten Tag besteigen wir ein offenes Boot, das für 12 Personen angegeben ist. Das Boot wurde möglicherweise in Asien gefertigt. Für breiter gebaute erwachsene Europäer ab 65 Kilo, wären 12 Personen schon ambitioniert. Wir sind nur zu fünft und haben genug Raum, selbst mit unseren großen Fototaschen. Wir sind den ganzen Tag unterwegs, da wir häufig den Hauptarm, den Sulina-Arm, verlassen um in den schmalen Kanälen und Flussarmen Vögel zu fotografieren.

Sulina-Arm
Sulina-Arm

Die eigentliche Fahrt von Tulcea nach Crișan dauert nur 90 Minuten. Crișan ist ein Dorf mitten im Delta. Es ist nur per Boot erreichbar. Hier übernachten wir.

Das Biosphärenreservat Donaudelta. Dort wo die Donau ins Schwarze Meer fließt, dort wo sie die Grenze zwischen Rumänien und der Ukraine bildet, mäandert sie heftig. Der nördliche Teil des Reservats wird von den drei aus westlicher Richtung einlaufenden Mündungsarmen der Donau durchflossen, die sich bei Tulcea trennen: dem Chilia-Arm mit der rumänisch-ukrainischen Staatsgrenze im Norden, dem Sulina-Arm in der Mitte, und dem Saint-Georgs-Arm im Süden. In diesem Biosphärenreservat konnten bislang gut 5200 Tier- und Pflanzenarten katalogisiert werden, lese ich in Wikipedia.

Donaudelta
Donaudelta

Unsere Unterkunft liegt auf einer Insel. Zweimal täglich nehmen wir das Boot und halten in den schmalen Seitenkanälen Ausschau nach Vögeln aller Art. Die hübsch-hässlichen, gerade geschlüpften Küken einer Teichralle

Küken der Teichralle
Küken der Teichralle

lösen dabei genauso Jubel aus wie ein Stockentenküken

Küken der Stockente
Küken der Stockente

oder wie ein fotogen auf einem Ast sitzender Eisvogel. Um den scheuen Eisvogel einigermaßen gut vor die Linse zu bekommen, brauchen alle Geduld. An einem Morgen sitzt alle paar Meter ein Eisvogel auf Augenhöhe im Gebüsch – doch meist sehen wir ihn erst, wenn er wegfliegt. Am nächsten Morgen zur selben Zeit sehen wir keinen einzigen Eisvogel. Warum auch immer. Dafür hocken sie zahlreich auf ihren Ästen als wir abends müde von der zweiten Tour zurückkommen. Die Vögel scheinen zu grinsen und zu wissen, dass es bereits viel zu dunkel für ein passabel gutes Foto ist. Aber so ist das mit der Tierfotografie: Am besten alles mitnehmen was vor die Linse kommt und die einzigartigen Momente genießen – das große Aussortieren folgt später. Wer sich vornimmt, heute fotografiere ich nur Eisvögel, könnte häufig frustriert den Tag beenden, weil die gefiederten Smaragde andere Pläne hatten.

Die Landschaft des Deltas ist unglaublich vielseitig, obwohl es doch nur Wasserwege sind. Mal sind wir auf schmalen Verbindungsarmen unterwegs. Rechts und links stehen hohe Pappeln und Weiden.

Seitenarm
Seitenarm

An ihren Ufern halten sich oft unterschiedlichste Reiher- und Kormoranarten auf. Meist sehen wir sie erst, wenn die Vögel erschrocken auffliegen.

Aber häufig fahren wir ganz langsam mit dem leisen Elektromotor. Dann sind die Tiere entspannter und wir kommen einigermaßen nah dran.

Faszinierend sind die hängenden Nester der Beutelmeisen. An herabhängenden elastischen Zweigen von Pappeln oder Weiden haben sie kunstvolle, wollig aussehende Nester aus Spinnweben und den Samen der Bäume gebaut.

Dann wieder sehen wir zu beiden Seiten am Ufer nur Schilf. Das Donaudelta ist mit 1800 km² Fläche das größte Schilfrohrgebiet der Welt. Hier ist das Habitat der Drosselrohrsänger, der Rohrammer (auch Rohspatz genannt), der scheuen Zwergdommel, der Rohrdommel, die so tut als ob sie selbst Schilf wäre, der Bartmeisen – um nur einige zu nennen.

Kaum haben wir eine der schmalen Wassergassen durchfahren tut sich vor uns ein See auf. Einer von vielen.

Lacul Iacob
Lacul Iacob

Hier ist gerade eine große Gruppe Rosa Pelikane mit Fischen beschäftigt. Doch nein, sie fischen gar nicht selbst! Sie lassen fischen. Sie kreisen zunächst in kleinen Gruppen in der Luft und peilen, ob sich irgendwo im Wasser Kormorane aufhalten. Wo Kormorane sind, gibt es Fische und so landen die Pelikane mitten unter den Kormoranen. Die Pelikane schauen zunächst unbeteiligt, doch dann beginnt ein wildes Durcheinander. Die Kormorane können – im Gegensatz zu den Pelikanen – tief tauchen. Unter Wasser fangen sie ihre Beute. Dann tauchen sie auf um diese zu schlucken, doch so weit kommen sie nicht. Die Pelikane schlagen mit ihren käscherartigen Schnäbeln zu und jagen so den Kormoranen ihren Fisch ab. Wie Piraten! Diese Fangmethode ist einzigartig bei Pelikanen und wird nur hier im Donaudelta praktiziert. Sind alle gesättigt, fliegen sie ein Stückchen weiter und widmen sich der Gefiederpflege.

Die BBC (Seven Worlds, One Planet) hat einen eindrucksvollen vierminütigen Film darüber gedreht. Sprecher ist Sir David Attenborough. Die Drehzeit betrug 20 Tage, weiß unser Guide Daniel zu berichten.

Am nächsten Tag sind wir wieder auf einem See. Er ist zum Teil mit Wasserpflanzen zugewachsen. Hier geht es ruhiger zu.

See im Donaudelta
See im Donaudelta

Wir beobachten einige Paare Schwarzhalstaucher an und auf ihren Nestern. Während ein Paar seine zwei Eier bewacht und bebrütet, ist bei einem anderen Paar der Nachwuchs bereits geschlüpft. Die zwei Kleinen sind auf Mamas Rücken unterwegs, während der Papa das Futter anschafft. Auch hier ist eine lange Brennweite von 800 mm angebracht – wir halten ziemlich großen Abstand, die Fotos sind größtenteils Ausschnitte.

Doch es gibt nicht nur Vögel im Donaudelta. An einem Abend läuft ein Goldschakal am Ufer entlang und schaut uns für drei Sekunden an. Für ein Foto reichts. Ein Mal sehen wir einen Nashornkäfer und etliche Male begegnet uns eine ungiftige Würfelnatter.

Aufregend und ein Highlight für mich sind die Weißbartseeschwalben. Tagsüber sind sie mit Nestbau beschäftigt. Dabei sind sie ziemlich dreist. Loses und leicht zu transportierendes Nistmaterial ist rar und so klauen sie Baumaterial einfach bei den Nachbarn: Familie Schwarzhalstaucher.

Bei der abendlichen Futtersuche fliegen beziehungsweise stehen sie, knapp über der Wasseroberfläche in der Luft. Dabei geben die Seeschwalben kaum hörbare Laute von sich. Entdecken sie etwas Fressbares wie ein kleines Insekt oder Weichtier schießen sie falkengleich nach unten, schnappen zu und fliegen weiter. Was sie fressen habe ich erst auf den Fotos gesehen, mit bloßem Auge sah ich gar nichts auf der Wasseroberfläche, aber ich bin ja nur ein Mensch. Wir fotografieren bis die Sonne weg ist.

Gegen Ende der Reise habe ich die Befürchtung, dass ich mit steifem Nacken (vom Hochschauen), Sehnenscheidenentzündung (vom Auslösen) und Tennisarm (vom Kamera stemmen) nach Hause fahren werde. Aber es macht so viel Spaß und jeder Tag ist anders. Das Wetter ist ebenfalls abwechslungsreich, mal Sonne, mal Wolken und Wolkenbrüche, aber alles hat seinen Reiz. Selbst als wir unter einer Plane geschützt ein Gewitter samt Regen über unsere Köpfe ziehen lassen müssen.

Regen
Regen

Während meine Mitreisenden ihre Heimreise antreten, bleibe ich noch weitere 10 Tage in Rumänien. Der Bericht dazu folgt. Demnächst.