Transsilvanien / Siebenbürgen – von Kirchenburgen und gescheiterten Wanderungen

Ankunkft in Bukarest (Walachei)

Zwei Tage bleibe ich in Bukarest, der Hauptstadt Rumäniens. Mein Quartier beziehe ich etwas außerhalb vom Zentrum in einer privat geführten Pension in der Nähe des Herastrau-Sees. In diesem Villenviertel wohnten zur Zeit des Kommunismus nur Politiker und hohe Funktionäre. Der große Herastrau-Park ist nur fünf Fußminuten entfernt. Im 19. Jahrhundert gab es hier nur Sümpfe. Auf Geheiß von König Carol II (Karl II. 1893-1953) wurden sie kanalisiert, das Wasser gestaut und das Land trockengelegt.

Herastrau-Park
Herastrau-Park

Eigentlilch wollte ich noch etwas durch den Park und in der Innenstadt flanieren, doch ein heftiger Regenguß überrascht mich. Ich suche Zuflucht unter einem Arkadendach und flaniere später.

Ich möchte in erster Linie das Parlamentsgebäude besuchen. Dieses Parlamentsgebäude oder der Palast des Volkes ist ein gewaltiger Betonklotz den Ex-Präsident Nicolae Ceaușescu bauen ließ.

Parlamentsgebäude von Bukarest (ehemals Palast des Volkes)
Parlamentsgebäude (ehemals Palast des Volkes) – Panorama aus sieben Fotos

Die Besichtigung der (freigegebenen) Innenräume ist nur mit einer Führung möglich. Der Eintritt hierfür kostet mich 32,- Euro – ein stolzer Preis für rumänische Verhältnisse. Im Internet und im gedruckten Reiseführer wird dringend geraten, Tickets vorher online zu kaufen. Das mache ich. Später, vor Ort, erfahre ich von anderen allein reisenden Touristen, dass Tickets doch direkt an der Kasse gelöst werden können und dann nur halb so teuer sind. Allerdings kann es passieren, dass Du den gewünschten Zeitslot nicht mehr bekommst und ein paar Stunden auf die nächste englische / deutsche Führung warten musst. Wer Zeit hat, sollte das Ticket direkt vor Ort kaufen und nicht über Agenturen wie Headout oder Get your Guide.

Der Palast des Volkes. Vor der Wende „Haus der sozialistischen Republik Rumänien“ genannt. 1984 wurde mit dem Bau begonnen; die Kosten werden auf mehr als drei Milliarden Euro beziffert – das waren etwa 40 % des damaligen Bruttosozialprodukts. Als Ceauşescu den großen Palast des Volkes in Nordkorea gesehen hatte, wollte er auch so etwas haben. In der Art jedenfalls, es sollte nur noch größer sein. Dafür brauchte er Platz. 70.000 Bürger wurden zwangsumgesiedelt. 12 Kirchen, drei Klöster und drei Synagogen wurden einfach platt gemacht oder versetzt.

Ornament im Fußboden zeigt den Grundriss des Palastes

Ceauşescu selbst hat die Fertigstellung des Baus nicht mehr erlebt. Die Wende war schneller. Heute ist hier unter anderem das rumänische Parlament und das Museum für moderne Kunst untergebracht.

Parlamentsgebäude / Palast des Volkes
Parlamentsgebäude / Palast des Volkes

In den mehr als 5000 Räumen hängen mehr als 480 Kristalleuchter, einige davon bis zu 4000 Kilo schwer. Tonnen von Mahagoni, Kirsch- und Nussbäumen wurden für die Holzvertäfelungen abgeholzt. Schön ist die Ausstattung nach meiner Meinung trotzdem nicht, weder innen noch außen. Aber es ist beeindruckend dort mal durchzugehen.

Beeindruckt bin ich jedoch vor allem von den Zebrastreifen. Ja, ich meine die schwarzweiße Markierung auf den Straßen. Sie gibt es in Deuschland auch. Überall auf der Welt sogar, aber in Rumänien ist etwas auffallend anders: An meinem ersten Tag in Bukarest stehe ich allein an einer sechspurigen Kreuzung. Es herrscht viel Verkehr auf allen Spuren.

Verkehr in der Innenstadt von Bukarest
Verkehr in der Innenstadt von Bukarest

Und wie ich so dastehe und nach rechts und links schaue, um eine Fußgängerampel zu finden, halten die Autos an. Alle. Einfach so. Ich stehe keine fünf Sekunden am Straßenrand. So setze ich mich zögerlich verwundert in Bewegung, schreite über die schwarzweißen Streifen und fühle mich plötzlich wie die Queen. Unter größter Willensanstrengung halte ich meine Winkehändchen unten, das käme sicher nicht so gut. Ein Foto mache ich auch nicht. Im ganzen Land haben Fußgänger am Zebrastreifen uneingeschränktes Vorrecht. Das ist wunderbar. Wer jedoch versucht, außerhalb eines Zebrastreifens eine Straße zu überqueren, spielt mit seinem Leben, selbst wenn er / sie sportlich ist.

Weitere Strecken fahre ich mit der Metro. Das ist supereinfach und schnell. Das Ticketing funktioniert ähnlich wie in London. Ein Papier-Zweier-Ticket am Schalter lösen für umgerechnet 2,- Euro oder einfach die Kredit/Debitkarte ans Lesegerät halten und losfahren.

Metro
Metro

An anderen Orten oder für die Fahrt zum Flughafen nutze ich Bolt. Bei meiner Ankunft frisch aus Deutschland nahm ich ein offizielles Taxi zur Unterkunft; es kostete mich umgerechnet 42,- Euro (für 15 Kilometer). Für rumänische Verhältnisse sehr teuer. Meine Wirtin ist entsetzt und ruft mir für meine nächste Fahrt zum Flughafen ein Bolt-Taxi. Ich zahle nur ein Viertel – inklusive sattem Trinkgeld.

Bran und Schloss Dracula

Mit dem Zug reise ich von Bukarest in gut zwei Stunden nach Brașov / Kronstadt in Transsilvanien / Siebenbürgen. Viele Orte in Siebenbürgen tragen sowohl rumänische als auch deutsche Namen. Das ist zum Teil verwirrend. Ich versuche jeweils beide Namen zu nutzen. Mit Transsilvanien verbinde ich sofort den Grafen Dracula. Sein Schloss liegt in Bran, etwa 30 Kilometer von Brașov entfernt.

Schloss Dracula, Bran
Schloss Dracula, Bran

Ein kleiner Exkurs zu Graf Dracula (aus Wikipedia): Vlad III., wurde um 1431 in Sighișoara / Schäßburg oder Nürnberg geboren und starb um die Jahreswende 1476/77. Er war 1448, 1456–1462 und 1476 Woiwode des Fürstentums Walachei. Sein Beiname Drăculea (deutsch „Der Sohn des Drachen“), kommt vermutlich durch seinen Vater der möglicherweise dem Drachenorden Kaiser Sigismunds angehörte. Dieser Beiname wurde auch als „Sohn des Teufels“ verstanden, da das rumänische Wort drac auch „Teufel“ bedeutet.

Fürst Vlad III. kämpfte vehement gegen die Osmanen. Bekannt war er dabei für seine Gnadenlosigkeit: Seine Gegner, sowohl politische als auch gewöhnliche Kriminelle ließ er auf lange Holzpfähle spießen. So kam er zu seinem Beinamen: der Pfähler.

Weltweit bekannt wurde Graf Dracula jedoch erst durch den Roman von Bram Stokers von 1897. Die wahre Geschichte des Vlad Dracul verschmolz mit der Vampirgeschichte.

Inszenierter Sarg in Schloss Bran
Inszenierter Sarg in Schloss Bran

Graf Dracula soll nur drei Tage auf Schloss Bran verbracht haben. Gewohnt hat er hier nie! In den Innenräumen wird die Ausstattung von Königin Maria gezeigt, die bis zu ihrem Tod hier lebte. Aber von außen sieht die Burg so aus wie man sich wohl allgemein das Schloss Draculas vorstellt. Deswegen werden alle Touristen, die in Transsilvanien unterwegs sind, dorthin gebracht.

Ich bleibe vier Nächte in Bran, das Dorf ist ruhig und nett (wenn die Touristen-Busladungen weg sind) und die Gegend eignet sich gut zum Wandern. Was mir auch besonders gut gefällt, sind die Storchennester in beinahe jedem Dorf. Die Weißstörche sind dabei recht entspannt, was die Wohnlage angeht. Wahrscheinlich ist der Nahrungsreichtum ausschlaggebend. Als Untermieter haben sich etliche Sperlingsfamilien eingenistet.

Libearty – das Bärenasyl

In der Nähe von Bran gibt es die weltweit größte Braunbären-Auffangstation: Libearty. Es handelt sich um eine reine Auffangstation, ausgewildert oder gezüchtet wird nicht. Die männlichen Bären sind alle kastriert, somit ist das Zusammenleben einfacher, dann gibt’s keinen Streit um Territorium oder Weibchen. Auf 69 Hektar leben gut 100 Bären!

Sie alle haben eine traurige, schockierende Lebensgeschichte. Sie wurden als Zirkusbären, Tanzbären oder Attraktion in winzigen Käfigen vor Restaurants, Tankstellen oder Ähnlichem gehalten um Besucher:innen anzulocken.

Käfig in dem ein Braunbär gehalten wurde
Käfig in dem ein Braunbär gehalten wurde

Die Geschichte einer Bärin berührt mich besonders: Als Baby wurde sie geblendet; ihre Zähne und ihre Krallen wurden entfernt. So konnten Tourist:innen die Bärin ohne Bedenken streicheln und Selfies machen! Die Bären in ihren winzigen Käfigen wurden vielerorts nur hin und wieder von ihren Besitzern gefüttert. Sie waren auf den Goodwill der Gäste angewiesen. Diese fütterten sie mit Süßigkeiten oder gaben ihnen Bier zu trinken. Ha ha, das ist lustig … (ironisch gemeint).

Ein Bärenjungtier wurde gerade neu aufgenommen und wird aufgepäppelt.

Braunbär
Braunbär

Mit seinen zwei Geschwistern und seiner Mutter hatte es einen Touristen getroffen. Dieser machte Selfies und lud sie direkt auf facebook hoch. Er wollte dann auch noch die Bärin aus der Hand füttern. Dabei stellte er sich zwischen Mutter und Babys. Das gefiel der Mutter nicht. Sie griff den Touristen an. Seine Freunde setzen einen Notruf ab, die Polizei kam und erschoss die Bärin. Die Babys flüchteten in den Wald. Nur eins wurde gefunden und das ist jetzt in der Auffangstation. Den Touristen fand man zerfleischt im Wald.

Ja, es gibt in Rumänien ein Bärenproblem. Mehr als 8000 frei lebende Braunbären tummeln sich in den Karpaten. In den letzten 30 Jahren wurde legal und illegal viel Wald abgeholzt und damit Lebensraum von Bären zerstört. Auf der Suche nach Nahrung kommen die Tiere sogar nachts in die Dörfer oder sitzen am Straßenrand und betteln um Futter. Aber sie sind nicht von Natur aus aggressiv; sie sind gestresst, wenn sie drei Jungtiere zu füttern haben aber kaum Futter finden und keinen Platz zum Leben haben.

Braunbär
Braunbär

Der Besuch des Bärenasyls ist nur im Rahmen einer Führung möglich. Zwei Führungen gibt es beinahe täglich, beide morgens – nachmittags haben die Tiere ihre Ruhe. Die Führung mit gut 40 Teilnehmer:innen dauert etwas mehr als eine Stunde. Kosten: 20,- Euro + 10,- Euro Fotolizenz – wenn Du mit einer richtigen Kamera fotografieren willst; Fotos mit dem Handy sind kostenfrei. Ich kaufe eine Lizenz und sehe es als Spende. Fototechnisch ist der Rundgang recht kameraschonend. Zu sehen sind die Tiere hinter dicken, engen Gitterstäben, nirgendwo Gucklöcher oder Ausgucke. Nix für Fotografen. Aber die Tiere haben viel Platz und sind nur ans Gitter gekommen, weil sie wissen, dass es morgens Futter gibt. Nach dem Fressen verschwinden sie im Wald.

Braunbär
Braunbär

Der Weg zum Bärenasyl ist schön und ich genieße die hügelige Landschaft mit Aussicht.

Landschaft bei Bran
Landschaft bei Bran

Wanderung nach Magura

Heute möchte ich wandern. Nach Magura, ein Kalibaschendorf in 1030 Metern Höhe. Ich bin in Bran auf etwa 700 Metern Höhe, also gut 300 Höhenmeter. Die Tour ist eine offiziell markierte Tour. Wunderbar. Es geht von der Hauptstraße mit tollem Blick auf Burg Bran direkt in den Wald. Steil den Berg hinauf, über Steine, Wurzeln und Treppen. Schöner Mischwald. Bereits nach 15 Minuten schnaufe ich wie eine Dampfmaschine. Gut, dass ich meine Trekkingstöcke dabei habe. Nach 30 Minuten liegt ein dicker Haufen Tierhinterlassenschaft mitten auf meinem Weg.

Bärenkot
Bärenkot

Von einem Bären, denke ich. Was könnte es außer Braunbär noch sein? Pferd, Kuh, Esel? Auf einem steilen Waldpfad?! Unwahrscheinlich. Ich befrage Frau Google wie Bärenscheiße aussieht. Die Bilder, die mir gezeigt werden sind beinahe identisch. Ich stehe also vor Bärenkot. Er ist noch feucht, obwohl die Sonne durch das Blätterdach darauf scheint. Und jetzt? Ist das Tier vor mir geflüchtet – ich bin ja nicht gerade leise den Berg hinauf geschnauft? Ist es eine Mutter mit Jungtieren, die vielleicht großes Interesse an meinem leckeren Mittagssandwich mit Huhn und Tomate hat? Bären haben gute Nasen, sie wird es riechen. Was ist, wenn eine Bärenmama entspannt im Unterholz liegt und die Kinder auf meinem Weg spielen. Dann bin ich ungewollt vielleicht zwischen Mutter und Jungtieren. Hab ich gestern zu viele Bärengeschichten gehört und gelesen? Ich möchte auf keinen Fall einem leibhaftigen Bären gegenüberstehen, ein geordneter Rückzug scheint mir die beste Variante. Laut die fröhliche Melodie von Pippi Langstrumpf trällernd, mache ich mich an den Abstieg. Ich bin sehr unsicher und fühle mich beobachtet – sogar von den Bäumen. Das war’s dann mit der Wanderung.

Ich gehe zum Taxistand und lasse mich für umgerechnet 16 Euro nach Magura fahren. Es sind 17 Kilometer, das ist in Ordnung. Auf den letzten Kilometern ist die Straße unbefestigt. Bis vor wenigen Jahrzehnten war das Dorf nur zu Fuß oder zu Pferd erreichbar.

Magura
Magura

Magura ist ein so genanntes Streudorf, das heißt hier ein Haus, dann eine Wiese und dann wieder ein Haus / Hof. Die Menschen leben von der Landwirtschaft. Ich laufe Richtung Kirche und überhole eine zierliche, kleine alte Frau, ganz in Schwarz gekleidet. Sie erklärt mir etwas in feinstem Rumänisch. Ich verstehe nichts. Erst Stunden später fällt mir ein, dass ich doch meinen digitalen Übersetzer hätte arbeiten lassen können. Chance vertan. Nächstes Mal. Dann zeigt sie auf den Berg linker Hand, von dem ich gekommen wäre, wäre ich denn gewandert. Da solle ich nicht hingehen. Ursus. Dieses Wort verstehe ich. Mein rumänisches Lieblingsbier heißt Ursus und auf dem Flaschenlabel ist ein Bär abgebildet. Ich denke, ich habe heute alles richtig gemacht! Ich sehe mir noch schnell die Kirche von innen an

und marschiere bis zum Ende des Dorfes. Die Wiesen sind unglaublich bunt. Ich hole mein Lieblingsteleobjektiv aus dem Rucksack und fotografiere Blumen und Insekten: Mücken-Händelwurz, Mistbienen, Schmetterlinge …. und viele mehr.

Und weil ich mit meinem großen Objektiv an der Wiese stehe, stellen sich plötzlich eine rumänische Familie mit ihren Handys ebenfalls hin und fotografiert Blümchen. Scheint ansteckend zu sein.

Faszination Blumenwiese

Ein Taxi für den Rückweg gibt es in Magura nicht, also laufe ich einen Pfad parallel zur Straße. Die Bären halten jetzt ein Mittagsschläfchen und interessieren sind nicht für Wanderer. Rede ich mir ein. Ich bin aber dennoch froh, als ich wieder im Tal bin. Hier muss ich einen Bach überqueren. Das geht sogar trockenen Fußes, denn über dem Gewässer liegt ein Stahlprofil.

Dann hat mich die Zivilisation und der Sonntagstourismus wieder. Die Autos sind bis in den Wald hinein geparkt. Wo sich die Menschen aufhalten, erschließt sich mir nicht, ich habe niemanden getroffen.

Wald, Zărnești

Amfiteatrul Transilvania

Um zum Amfiteatrul Transilvania zu kommen fahre ich wieder mit dem Taxi. Der Fahrer bringt mich auf einer holprigen Piste in dieses Schigebiet in gut 1000 Metern Höhe. Wieder habe ich Wanderambitionen. Doch wieder wird nichts daraus. Ausgestattet mit hohen Wanderstiefeln und Wanderstöcken laufe ich in den vier Stunden hier oben die sagenhafte Strecke von etwa 500 Metern. Warum? Nein, keine Meister-Petz-Hinterlassenschaft. Dieses Mal sind es die Blumenwiesen, die mich aufhalten. Ich komme nicht voran. So viele Schmetterlinge, Eidechsen und mir unbekannte Wiesenblumen, ich kann mich einfach nicht sattsehen. So setze ich mich hin und genieße. Natürlich fotografiere ich auch, aber es ist sehr windig, das macht Insekten- und Blümchenfotografie mühsam.

Brașov / Kronstadt

Die letzten Tage meiner Reise verbringe ich in Brașov, zu Deutsch Kronstadt. Die Wirtschaftsmetropole (Kfz- und Maschinenbau) mit 230.000 Einwohnern liegt nur 30 Kilometer von Bran entfernt. Der historische Kern ist weitgehend autofrei und wahrscheinlich der eisdielenreichste in Rumänien. Gefühlt in jedem dritten Ladenlokal ist eine Eisdiele untergebracht. Viele der historischen Häuser sind renoviert – oder sind es nur die Fassaden? Das kann ich nicht so recht erkennen. Jedenfalls laufe ich nur mit nach oben gerecktem Kopf, weil die Fassaden so schön und so unterschiedlich sind.

Am Nachmittag und Abend öffnen jede Menge Restaurants und die Hauptfußgängerzone erinnert mich stark an die Altstadt in Düsseldorf – nur ohne das kollektive Besäufnis. Hier geht es fröhlich gediegen zu.

Brașov, Fußgängerzone

Die Geschäfte bieten fast alles: Von Pelzbekleidung über Süßigkeiten bis zu interessanten Modelabeln. Viele Fenster sind mit Blumen und Grünzeug – doch Vorsicht, das meiste ist aus Plastik.

Auf dem Marktplatz, dem Piața Sfatului, mit dem alten Rathaus in der Mitte ist immer etwas los. Gerade ist Lavendelfest.

Piața Sfatului
Piața Sfatului

Ich habe eine große FeWo direkt an diesem Platz, in einem Hinterhof. Die Aussicht ist mäßig (man kann schließlich nicht alles haben), aber dafür liegt die Wohnung ruhig und megazentral.

Ich wandere zu Fuß auf den Hausberg, die Tâmpa / Zinne. Am Einstieg zum breiten Wanderweg wird vor Bären gewarnt. Kenn‘ ich ja schon. Man solle nicht allein gehen, nicht in der Dämmerung und ordentlich Lärm machen. Ok. Ich bin allein unterwegs und habe nur einen Plüschelefanten als Begleiter. Herbeizaubern kann ich niemanden. Also gehe ich mittags um 11 Uhr – da haben die Bären Mittagspause. Außerdem sind hier – anders als auf dem Weg nach Magura – auch andere Wanderer unterwegs.

Achtung Bären
Achtung Bären

Von oben genieße ich die Aussicht auf die Altstadt mit dem Piața Sfatului und fahre bequem mit der Seilbahn zurück.

Blick auf den Piața Sfatului
Blick auf den Piața Sfatului

Poiana Brașov / Schulerau

Ein weiterer Ausflug führt mich nach Poiana Brașov. Hierher nehme ich den Linienbus, doch als ich ein Ticket beim Fahrer kaufen möchte, erklärt er mir, dass heute Freitag sei. Das ist mir durchaus bewusst, aber die Verbindung zum Busticket erschließt sich mir nicht. Ich bekomme jedenfalls keins und mache ein ratloses Gesicht. Ein Fahrgast erklärt mir in gutem Englisch, dass freitags der ÖPNV kostenfrei sei. Ok. Keine Einwände.

Poiana Brașov ist eine Hochburg für Schitouristen. Große Hotels, etliche Schi- und Sessellifte. Alle außer Betrieb, es ist schließlich Sommer. Die Seilbahn zur Kanzel sollte fahren. Ab 10 Uhr. Ich warte. Drei weitere Touristinnen gesellen sich zu mir. Die Eingangstür bleibt jedoch verschlossen und einen Gondelbetieb scheint es nicht zu geben. Auf der Internetseite steht etwas anderes, das bestätigen auch die mittlerweile neun weiteren ratlosen Touristen, allesamt aus Rumänien. Dann fährt ein Auto mit einem Herrn im Arbeitsoverall vor. Er wird sofort mit Fragen bombardiert und wir erfahren, dass nur die Seilbahn Capra Neagra in Betrieb sei, sonst keine.

Ratlos an der Seilbahnstation
Ratlos an der Seilbahnstation

So laufen wir gemeinsam gut einen Kilometer zur Seilbahnstation Capra Neagra und sind glücklich, als wir tatsächlich in einer Gondel landen, die uns den Berg hinauf bringt. Und oben? Ich trete aus der Seilbahnstation und was seh’ ich als Erstes? Bärenscheiße. Aber schon leicht eingetrockent.

Bärenkot
Bärenkot

Ich laufe mit den anderen Gondel-Insassen zum nahen Postăvaru- / Schuler-Gipfel und genieße die Aussicht aus 1799 Metern Höhe.

Aussicht vom Postăvaru-Gipfel auf die Seilbahnstation
Aussicht vom Postăvaru-Gipfel auf die Seilbahnstation

Dann wandere ich noch ein Stück den breiten, grob geschotterten Weg hinunter, aber wirklich prickelnd ist das hier nicht. Die Wiesen sind rasengrün, allenfalls blüht etwas Löwenzahn. Langweilig. Öde.

Blick auf die Seilbahnstationen Kanzel und Postăvaru-Express

Ich fahre zurück. Im Winter ist es bestimmt schön hier, im Sommer gibt es interessantere Orte. Zum Beispiel Sinaia.

Sinaia

Mit dem Zug dauert die Fahrt gerade mal eine Stunde. In Sinaia befindet sich Schloss Peleș / Pelesch, das Sommerschlösschen von König Carol I.

Schloss Peleș (Pelesch)
Schloss Peleș / Pelesch

Es dauert eine Weile bis ich begreife, dass König Carol I von Rumänien kein anderer ist als Karl I. von Hohenzollern-Sigmaringen. Er starb 1914 auf Schloss Peleș. Nach dem Sturz der Monarchie und der Ausrufung der Volksrepublik 1947 wurde das Schloss beschlagnahmt und erst nach der demokratischen Revolution von 1989 an den im Schweizer Exil lebenden Ex-König Michael zurückübertragen.

Ich habe noch etwas Zeit bis ich meinen online gebuchten Zeitslot um 11 Uhr wahrnehmen kann und laufe durch die sieben Terrassengärten.

Das Hauptschloss Peleș hat durchaus Ähnlichkeiten mit der Burg Hohenzollern, wo König Karl I. die ersten Jahre seiner Kindheit verbrachte.

Schlösser Sigmaringen und Hohenzollern, Darstellung im Schloss Peleș
Schlösser Sigmaringen und Hohenzollern, Darstellung im Schloss Peleș

Das Schloss war bereits im Jahr 1900 mit modernster Technik ausgestattet: Es gab von Beginn an eine Zentralheizung, zwei Aufzüge, eine zentrale Staubsaugeranlage, fließendes Warmwasser, einen Telefonanschluss und elektrisches Licht. Am kleinen Fluss Pelesch wurde ein eigenes Elektrizitätswerk errichtet. Das Glasdach der großen Halle ließ sich elektrisch öffnen.

Glasdach Schloss Peleș
Glasdach Schloss Peleș

1906 fand im hauseigenen Theater die erste Kinovorführung Rumäniens statt.

Kino/Theater Schloss Peleș
Kino/Theater Schloss Peleș

Ein Teil der 160 Zimmer kann mittlerweile besichtigt werden. Das Interior ist für meinen Geschmack ziemlich überladen. Holzvertäfelungen an fast allen Wänden, Skulpturen, Möbel und Deko quer durch alle Stile vom 15. bis ins 19. Jahrhundert. Besonders stolz wird das Orchestrion von M. Welte & Söhne präsentiert. Einige Wandgemälde wurden von Gustav Klimt gemalt.

Ausflug nach Prejmer / Tartlau

Ein Highlight meiner Tage in Brasov ist zweifelsohne der Ausflug (mit dem Bus) zur Kirchenburg Prejmer. Sie gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe und obwohl ich schon ein paar Kirchenburgen gesehen habe, haut mich diese um.

Kirchenburg Prejmer
Kirchenburg Prejmer

Während die erste Gruppe Touristen direkt in die Kirche marschiert, gehe ich in die Mauer. Ja, in die Mauer. Die gesamte Kirche ist von einer 12-14 Meter hohen, fünf Meter breiten Mauer umgeben. In der Mauer sind 270 Vorrats- und Fluchtkammern über zwei bis vier Etagen untergebracht. Sie sehen aus wie Bienenwaben. Bei Gefahr konnte das ganze Dorf in der Kirchenburg Zuflucht finden. Jede Familie hatte ihre eigene Kammer. Diese Kammer konnte vom inneren Ring betreten werden und einige hatten auf der gegenüberliegenden Seite einen Zugang zum äußeren Mauerring. Dieser ist an Wehrhaftigkeit kaum zu übertreffen: Auf jedem Meter befindet sich eine Schießscharte oder eine Pechnase oder eine Toilettennische.

Ich halte mich gut eineinhalb Stunden auf. Die geführten Gruppen hingegen sind maximal 30 Minuten vor Ort. Ich habe sogar das Glück zwischen zwei Gruppen ganz allein in der Kirche zu sein.

Der doppelseitig bemalte, dreiflügelige Altar von 1450 ist der älteste seiner Art in Rumänien. Er gefiel dem Regisseur Ingmar Bergman so gut, dass einige Szenen aus dem Film „Die Päpstin“ hier gedreht wurden!

Altar Kirchenburg Prejmer
Altar Kirchenburg Prejmer

Ein krönender Abschluss für eine interessante und überraschende Reise. Ich hatte nicht gedacht, dass Rumänien so viel Schönes und Historisches gepaart mit Wildlife zu bieten hat. Nächstes Jahr komme ich wieder und gehe Wandern – mit einer Gruppe!

Wenn Ihr noch mehr wissen wollt:

Stiftung Kirchenburgen in Siebenbürgen

Reise Know-How Rumänien

Rother Wanderführer Südkarpaten