Plessa – der lange Weg
Das 2500-Seelen-Dorf Plessa in der Lausitz hat einen eigenen Bahnhof, sogar mit zwei Gleisen. Wahrscheinlich wegen des Kohleheizkraftwerks, das jedoch 1992 stillgelegt wurde. Genau wegen dieses Kraftwerks mache ich mich auf den Weg nach Plessa. Mit der Bahn. Plessa hat auch einen Landgasthof in dem ich hätte übernachten können – ich ziehe jedoch die 30 Kilometer entfernte Kleinstadt Senftenberg vor. Die Regionalbahn braucht nur 30 Minuten von Senftenberg nach Plessa. Wenn sie fährt.
Wegen eines Oberleitungsschadens fährt sie leider nicht am Sonntagmorgen. Ein Taxi gibt es auch nicht, nur eine Telefonnummer unter der sich niemand meldet. Ich bin schließlich auf dem Land. Also nehme ich den Vorschlag des freundlichen Lokführers an, der seit mehr als einer Stunde in seinem Zug am Bahnhof Senftenberg auf die Weiterfahrt wartet. Um Plessa von der Gegenseite zu erreichen, solle ich von Senftenberg über Calau und Falkenberg fahren und von dort nach Plessa. Das ist ungefähr so, als würde ich von Wuppertal über Essen und Mönchengladbach fahren um nach Düsseldorf zu kommen, wenn in Haan-Gruiten eine Störung wäre. Nach drei Stunden Reise bin ich vor Ort. Immerhin angekommen!
Plessa – das Kraftwerk
Das alte Kohlekraftwerk liegt direkt hinter dem Bahnhof. 1927 ging es in Betrieb, als eines der modernsten in Europa mit einer Ausgangsleistung von etwa 8 Megawatt. Zum Vergleich: Das Braunkohlekraftwerk Neurath (Abbaugebiet Gartzweiler) hat heute, fast 100 Jahre später, laut Wikipedia eine elektrische Nettoleistung von 2.120 Megawatt. Das Kraftwerk Plessa wurde kontinuierlich erweitert. 1942 waren bereits vier Turbinen und fünf Kessel im Einsatz. 1985 wurde das Gebäude wegen seiner markanten expressionistischen Architektur und historischen Bedeutung unter Denkmalschutz gestellt. Es zählt zu den ältesten Braunkohlekraftwerken Europas, die weitgehend im originalen Bauzustand erhalten sind. Doch 1992 kam das Aus für Plessa. Das Kraftwerk ging vom Netz. Heute liefert nur noch das Kraftwerk Schwarze Pumpe Strom.
Ich bin im Rahmen einer Fototour mit go2know hier, für alle anderen ist die Location geschlossen. Etwa 20 Fotograf:innen schwärmen aus. Die original erhaltene Schaltzentrale ist das Herzstück der Anlage. Wirklich sehenswert. Mein ständiger Reisebegleiter Charlitos darf sich dort auch umsehen. Er möchte den roten Knopf betätigen und wir fragen uns, ob wir damit wohl die Stromversorgung für Lauchhammer lahmgelegt hätten.
Eine Zeitlang wurde das Kraftwerk als Museum und Eventlocation betrieben, aber dann war nicht genügend Geld vorhanden und wohl zu wenig Nachfrage. Hinzu kamen neue Sicherheitsbestimmungen. Das Dorf Plessa ist wohl eine Nummer zu klein für so eine große Location. Sehr schade. Nachdem der Museumsbetrieb aufgegeben werden musste, verschafften sich Metalldiebe und Vandalen Zutritt. Sie verwüsteten und demolierten was nicht fest verschweißt oder unhandlich war.
Auch die große Turbine wurde zerstört, aber dank der Ehrenamtlichen des Fördervereins wieder hergerichtet. Imposant, aber unfotogen sind die riesigen Kessel und die alte Diesellok. Mich begeistert vor allem das historische Treppenhaus, die zahlreichen Schalttafeln und Hebel, die verwinkelten Gebäude, die zersplitterten Fenster.
So kompliziert wie die Anreise war, so unkompliziert ist die Rückreise. Der Zug kommt zur fahrplanmäßigen Zeit und nach 30 Minuten Fahrt bin ich zurück in Senftenberg – meinem Übernachtungsort.
Proschim und Haidemühl
Nachdem ich die Endstation der Braunkohle, nämlich das Kraftwerk, gesehen habe, zieht es mich in das Gebiet, wo heute noch Braunkohle abgebaut wird: Der Tagebau Welzow-Süd ist einer von drei Abbaugebieten in der Lausitz. Mit dem Zug und dem Bus fahre ich nach Proschim. Viele, hauptsächlich sorbische, Dörfer mussten der Braunkohle weichen. Proschim sollte auch dazu gehören. Doch mit dem Ausstieg aus dem Braunkohletagebau 2021 war Proschim gerettet. Tot scheint es trotzdem zu sein. Es gibt zwar bewohnte Häuser und eine Kirche, aber Menschen sehe ich keine. Ich laufe an etlichen großen Viehställen vorbei. Ein Schild mit der Aufschrift „Wertvoller Tierbestand. Betreten für Unbefugte verboten“ zeugt von Leben. Die Türen der Stallungen stehen offen. Ah, Haltungsform 2 oder 3, Tiere, die mit Tageslicht / Frischluft gehalten werden. Was für Tiere mögen das sein? Es ist mucksmäuschen still. Es riecht nach nichts. Nicht nach Tier, Heu, Gülle. Nichts. Seltsame Tiere.
Das Loch des Tagebaus ist noch gut zwei Kilometer entfernt. Ich marschiere die Straße entlang.
Am Weg liegt die 1992 stillgelegte Glasfabrik Haidemühl. 1835 gegründet wechselte die Glashütte mehrfach den Besitzer. Ab 1914 sanierte und erweiterte Adolf Schiller das Werk. Er ließ auch Wohnhäuser für seine Arbeiter bauen. Die Glashütte wurde 1935 arisiert, Adolf Schiller starb im KZ Theresienstadt. Nach dem Krieg enteignet und 1960 modernisiert war das Glaswerk Heidemühl der einzige Hersteller von 0,5 Liter-Milchflaschen in der DDR. Nach der Wende scheiterte die Umwandlung in eine GmbH und mit der Stilllegung verloren gut 1200 Menschen ihre Arbeit.
Das Dorf Haidemühl wurde zwischen 2004 und 2006 devastiert – zerstört durch den Tagebau. Aufgrund ungeklärter Eigentumsverhältnisse konnten das Glaswerk und die Wohn- und Verwaltungsgebäude im Rahmen der Zerstörung des Ortes Haidemühl nicht abgerissen werden. Ein Großteil der Bauten ist daher noch vorhanden, aber in schlechtem Zustand.
Braunkohle Tagebau Welzow
Gott schuf die Lausitz – und der Teufel versteckte die Kohle darunter (sorbisches Sprichwort). Der Blick vom überdachten Aussichtsplatz Welzow-Süd in die Grube ist beeindruckend, Garzweiler ist jedoch tiefer. Hier liegt die Kohle in 110 Metern Tiefe. Es werden auch touristische Touren in die Grube angeboten, aber dazu fehlt mir leider die Zeit. Nächstes Mal.
Alle 70 Meter steht eine Wasserpumpe, die das Grundwasser abpumpt, denn die Kohle muss trocken liegen bevor sie abgebaut wird.
Von diesem Aussichtspunkt wandere ich auf der Straße und später einem Radweg durch jungen renaturierten Wald zum nächsten Aussichtspunkt Welzow-Stadt. Am Wegrand blühen Maiglöckchen. Mich beeindruckt aber vor allem der Lärm der Vögel. Ich höre Pirol und Amsel raus, aber alle anderen erkenne ich nicht. Da hilft die Merlin-App: Innerhalb von nur drei Minuten höre ich: Bluthänfling, Waldbaumläufer, Amsel, Stieglitz, Mönchsgrasmücke, Heidelerche, Dorngrasmücke, Fitis, Gartengrasmücke, Pirol. Unglaublich. Warum ist hier ornithologisch so viel los? Keine Ahnung. Vielleicht weil dieses Gebiet abgesperrt ist, der Wald darf nicht betreten werden. Die Natur hat ihre Ruhe und holt sich ihr Terrain mit allem drum und dran langsam zurück.
Für Radfahrer ist diese Gegend ideal, die Wege sind glatt asphaltiert und in sehr gutem Zustand. Zum Wandern finde ich es allerdings langweilig. Nächstes Mal komme ich mit dem Rad.
Der Rostige Nagel
Ich möchte unbedingt zum Aussichtspunkt Rostiger Nagel. Der Aussichtsturm gilt als Landmarke und liegt rund 10 Kilometer Fußweg östlich des Stadtzentrums von Senftenberg an der Mündung des Sornoer Kanals in den Sedlitzer See. Busse nach Klein- und Großkoschen fahren samstags und sonntags nur 3 Mal am Tag und auch nur als Rufbus. 60 Minuten vorher anzumelden. Also schnüre ich meine Wanderschuhe und laufe. Beinahe fünf Kilometer auf dem Radweg entlang der B96, dann eine Nebenstraße am Flugplatz Kleinkoschen vorbei, alles ziemlich langweilig. Aber am Rande des Flugplatzes steht wenigstens ein sauberes Dixi-Klo – geöffnet und gut nutzbar.
Der Rostige Nagel wurde zwischen August und Oktober 2008 im Rahmen des Themenjahres „SeenSucht Lausitz“ der Internationalen Bauausstellung Fürst-Pückler-Land errichtet und im Oktober 2008 nach einer Bauzeit von 70 Tagen eingeweiht. Die Baukosten beliefen sich zuletzt auf knapp 1,25 Millionen Euro.
Der beinahe 29 Meter hohe Turm besteht aus 111 Tonnen Cortenstahl, einem extrem wetterfesten Baustahl. Die Oberfläche rostet an, aber nicht durch sondern bildet vielmehr eine Schutzschicht. Die Rostschicht auf der Oberfläche des Turms soll an das Aussehen der Arbeitsgeräte im Tagebau erinnern. 162 Stufen führen zur Aussichtsplattform. Unter den Treppenstreben brüten Schwalben.
Seit Oktober 2025 wird die Umgebung des Aussichtsturms für veranschlagte Kosten von 1,4 Millionen Euro aufgewertet: Bootsanleger, Kinderspielplatz, Wasserwanderrastplatz und ein größerer Parkplatz mit 38 Stellplätzen sind im Bau. (Parkkosten 2026 2,- Euro für 2 Stunden, 8,- Euro für länger).
Für das leibliche Wohl sorgt am Fuß des Aussichtsturmes ein Kiosk – ebenfalls aus Cortenstahl gebaut. Es gibt die üblichen Schnellgerichte, aber auch Softeis im Becher, hergestellt um die Ecke in Welzow. Lecker.
Da ich keine Lust habe denselben Weg zurückzuwandern, entscheide ich mich, nach Großkoschen zu marschieren – wieder auf dem Radweg. Von Großkoschen fährt um 13 Uhr und um 15 Uhr ein Ausflugsboot nach Senftenberg. Ich sitze auf dem Oberdeck, der See ist spiegelglatt, es ist passabel warm. Das ist Urlaub! Über Lautsprecher und Band erschallen die Begrüßung und einige Infos zum See. Nach 20 Minuten Genuss bin ich wieder zurück in Senftenberg.
Senftenberger See
Der Senftenberger See gehört mit einer Fläche von 1300 Hektar zu den größten von Menschenhand angelegten Seen in Deutschland. Auch er ist ein Relikt des Braunkohletagebaues. Mit dem Wasser der Schwarzen Elster wurde er von November 1967 bis November 1972 geflutet. Gepriesen wird die Wasserqualität. Das Wasser ist laut Werbebroschüre so klar, dass man zum Teil bis zu fünf Meter tief sehen kann. Es gibt etliche Badestellen – teilweise sogar Sandstrand. Ein Radweg führt rund um den See.
Senftenberg
In Senftenberg selbst gibt es einen kleinen Tierpark und die Senftenberger Festung mit Schloss. Diese Festung ist die einzige erhaltene Erdwallanlage Deutschlands. Der Wall wurde im 16. Jahrhundert zur Sicherung der sächsischen Nordgrenze angelegt. Zum Einsatz kam er nie. 1815 wurde die Feste kampflos an die Preußen übergeben. Der Eingangstunnel (Poterne) macht einen Linksknick – damit der Feind nicht direkt durchschießen kann. Im Schloss selbst startet ein Rundgang durch die Geschichte: Von der Erbauung bis heute. Ansprechend und informativ gestaltet, sowohl für Kinder als auch für Erwachsene. Lebensgroße Pappfiguren stellen sich vor und berichten über ihre Rolle in der Dorfgemeinschaft: Von der Magd über die Marktfrau, den Bierbrauer, den Burgherrn und eine sorbische Bauersfrau. Sie stehen jeweils in liebevoll hergerichteten Räumen oder einer virtuellen Umgebung mit ein paar Gegenständen aus der jeweiligen Epoche. Am Schluss gehen die Besucher noch durch einen Stollen richtig nach Untertage. Hier werden Handwerkszeuge des Bergbaus gezeigt. Wer am Schluss noch Energie hat, sieht sich die Lausitzer Kunstsammlung in der oberen Etage an. Hier werden Werke von Lausitzer Künstlern gezeigt.













