London – geht immer

Sie schwankt, rattert und quietscht erbärmlich wenn sie sich bei voller Geschwindigkeit in die engen Kurven legt. In 40 Jahren scheint sich wenig geändert zu haben. Neben mir sitzt ein älterer Herr der tatsächlich eine gedruckte Zeitung aufgeschlagen in seinen Händen hält. Früher hatten fast alle Mitfahrer eine Zeitung vor der Nase, heute ist er der einzige, die anderen starren auf ihr Mobiltelefon.

Zeitungleser
Zeitungleser

Ich sitze in einem Wagen in der Röhre, der Londoner Untergrundbahn genannt „tube“, mit 160 Jahren der ältesten U-Bahn der Welt. Laut Wikipedia hat sie die zweitgrößte Netzlänge in Europa (nach Moskau). Noch immer ist die Orientierung anhand des großen Plans an jeder Station einfach und das Bezahlsystem simpel.

Haltestellenplan

Vor neun Jahren habe ich eine so genannte Oystercard gekauft und lade diese am Automaten wieder auf. Das dauert keine 30 Sekunden. Mein Guthaben von 0,50 Pfund ist immer noch darauf. Meine mitreisende Freundin hält einfach ihre Kreditkarte an eines der zahlreichen Lesegeräte am Eingang zum Untergrund und am Ausgang. Egal wie häufig Du fährst, es wird nur maximal der Preis für ein Tagesticket berechnet. Wunderbar! Kein Nachdenken über unübersichtliche, komplizierte Preiszonen und Tagestickets. Kein Anstehen an Automaten. Und wenn Du mal nicht weiter weißt: Es ist immer ein Mitarbeiter von Transport for London (TFL) in Sichtweite. Er oder sie ist stets freundlich und hilfsbereit, egal ob Deine Frage nun zu seinen / ihren Aufgaben gehört oder nicht. Bis zum Bahnsteig sind die Wege oft lang und der Wind weht hier unten noch immer.

Tube, Russel Square
Verbindungsgang am Russel Square

Du biegst um eine Ecke und es stürmt. Hinter der nächsten Ecke ist es wieder windstill. Was ich vermisse sind die Musiker. Früher war in jedem Gang einer – in fünf Tagen täglicher U-Bahnnutzung hören wir niemanden. Lohnt es sich nicht mehr? Wir zum Beispiel haben kein Bargeld getauscht. Wir zahlen alles mit Karte und haben entsprechend nichts, was wir in einen Hut werfen könnten.

Um wieder an die Oberfläche zu gelangen nutzen wir meist die langen Rolltreppen. Damals, vor 40 Jahren, waren viele Rolltreppen aus Holz, doch nach einer Brandkatastrophe 1987 wurden alle hölzernen Rolltreppen ersetzt. Ein Rauchverbot gab es damals schon, nur war es wohl missachtet worden. An der Station Russel Square gibt es keine Rolltreppen; Du musst einen der drei Fahrstühle nach oben nehmen oder 176 Stufen über ein wunderschön gewundenes Treppenhaus nach oben steigen.

British Museum

Unser Ziel ist das Britische Museum. Wie alle staatlichen Museen Londons ist die Sammlung kostenlos, nur Sonderausstellungen kosten Eintritt. Wir sind morgens hier und wollen eigentlich in die Räume der ägyptischen Sammlung, doch da kommen wir nicht rein. Alles ist voller Menschen, im Wesentlichen Schulklassen aus Großbritannien und anderen Ländern.

So gehe ich zuerst zu meinem zweiten Highlight im 1. Stock: den Lewis Chessmen. Diese kennen die wenigsten, doch dank der präzisen Wegbeschreibung einer Museumsmitarbeiterin finde ich sie. Wie der Name vermuten lässt, kommen sie von der Insel Lewis (Äußere Hebriden). 11 Figuren dieses Schachspiels aus dem 12. Jahrhundert befinden sich im National Museum of Scotland in Edinburgh und 82 hier im Britischen Museum in London – wohl damit die Engländer nicht extra nach Schottland reisen müssen um diese feine Schnitzarbeit aus Walrosszahn zu sehen.

Lewis Chessmen

Nun mache ich einen zweiten Versuch mit der antiken Abteilung. Ich plustere mich auf und kämpfe mich mit Geduld und spitzen Ellbogen vor, in die erste Reihe des Rosetta-Stones. Dieser Stein ist mehr als das Fragment einer Stele aus Memphis. Er enthält den mehrsprachigen Beschluss einer Priestersynode von 196 vor Christus. Der obere Teil ist in ägyptischen Hieroglyphen geschrieben, der mittlere Teil in Demotisch (Gebrauchsschrift für die altägyptische Sprache) und der untere Teil ist die Übersetzung in Altgriechisch (damals in der Verwaltung gebräuchlich). So gelang es mit Hilfe dieses Steins, die altägyptischen Hieroglyphen zu entziffern.

Rosetta Stone

Eine Oase der Ruhe finden wir – nach zwei Stunden in unterschiedlichen Museumssektionen wieder vereint – in der Bibliothek unter der großen Kuppel. Die gesamte Wand des runden Raumes ist umgeben von Bücherregalen, wirklich eindrucksvoll.

In den kleinen Seitenstraßen um das Museum gibt es etliche Cafés und Restaurants. Die Preise sind moderat, das Essen ist lecker. In einem Souvenirshop nebenan finde ich ein paar Winke- und Wackel-Mitbringsel, umweltfreundlich mit Solarantrieb. Den linken der beiden Weihnachtsmänner würde ich trotzdem nicht in mein Fenster stellen.

Souvenir-Winker mit Solarantrieb

Der Gasholder Park

Der Gasholder Park liegt eingekeilt zwischen den Bahnhöfen King’s Cross und St Pancras an der St Pancras Schleuse. Einst prägten beachtliche Gasbehälter mit einem Fassungsvermögen von 28.000 Kubikmetern die Skyline hinter King’s Cross. (Ok, der Gasometer in Oberhausen fasste 347.000 Kubikmeter, aber er war auch bis 1988 Europas größter Scheibengasbehälter.) Die Gasbehälter an der St Pancras Schleuse wurden um 1850 erbaut und wurden erst im Jahr 2000 endgültig stillgelegt. Heute steht die filigrane Gusseisenkonstruktion des Gasometers Nr. 8 frisch restauriert und wieder aufgebaut am anderen Ufer. Die inneren Stützen sind verspiegelt und ein El Dorado für Fotograf:innen.

Daneben sind neue, runde Wohnhäuser entstanden. Zum Spaß habe ich mal bei einem Wohnungsmakler im Internet reingeschaut: 80 Quadratmeter, 6. Etage, 1.675.000 Pfündchen. Eine Etage drüber mit 236 Quadratmetern fast drei Mal so groß, davon fast 90 Dachterrasse und Balkon … sieben Millionen. Schick. Erstaunlich, wie die Macher es geschafft haben, aus einem ziemlich öden Viertel, zwischen zwei Bahnhöfen, wo doch eigentlich niemand wohnen will, ein Szene-Viertel zu kreieren. Bars, Cafés und Restaurants gibt’s natürlich satt und reichlich in fußläufiger Entfernung.

Wohnhäuser am Gasholder Park

Sky Garden

Für den Nachmittag haben wir einen Termin im so genannten Walkie Talkie Gebäude (20 Fenchurch Street). Das Gebäude ist 160 Meter hoch und wurde mit dem Carbuncle Cup (Eiterbeulenpreis) ausgezeichnet! Diese „Auszeichnung“ wird jährlich für das hässlichste Gebäude vergeben, das in den letzten 12 Monaten fertiggestellt wurde. Den urugaischen Architeken Rafael Viñoly wird diese Auszeichnung wohl nicht erfreut haben. In Wikipedia lese ich: „Die Krümmung der Glasfassade hatte während der Bauzeit zur Folge, dass reflektierte Sonneneinstrahlung an bestimmten Stellen in der Umgebung so stark gebündelt auftrat, dass zum Beispiel Kunststoff an geparkten Autos beschädigt wurde. Daher wurden mehrere Parkplätze gesperrt. Auf der Südseite wurden Lamellen angebracht, die Sonnenlichtreflexionen verhindern.“

Blick auf die Skyline und das Walkie Talkie

Doch wir sind nicht wegen des Gebäudes hier, sondern wegen der Aussichtsplattform des Sky Gardens. Diese ist kostenfrei zugänglich. Das Problem ist nur, dass es viele Menschen dorthin zieht und ohne vorher gebuchten Zeitslot kommst Du nicht rein. Trotz unseres bereits vor Wochen gebuchten Slots dauert es eine halbe Stunde bis wir die Warteschlange und die Sicherheitskontrolle hinter uns lassen und nach einer Fahrt im voll gepackten Fahrstuhl oben ankommen. Hier zieht sich ein üppig grüner Garten unter der Glaskuppel über drei Etagen.

Sky Gardens
Sky Garden

Es ist voll hier oben, im 35. Stock, um nicht zu sagen rummelig. Es gibt zwei Bars und ein Restaurant. Zwei Cocktails für 25 Pfund ist durchaus ein Deal – wir halten uns trotzdem zurück.

Bar im Sky-Garden

Von der Aussichtsplattform blicken wir auf die Themse und den winzigen Tower of London unter uns.

Tower of London

One New Chance

Nach knapp einer Stunde Aufenthalt fahren wir wieder nach unten und laufen zur St Paul’s Cathedral. Das monumentale Gebäude, unter der Leitung von Christopher Wren ab 1675 erbaut, zählt zu den größten Kirchen der Welt. Ich bin vor 40 Jahren drin gewesen und ja, die Kathedrale ist eindrucksvoll und einen mehrfachen Besuch unbedingt wert, aber der Eintrittspreis von 39,90 Pfund lässt uns andere Prioritäten setzen. Wir gehen nach nebenan ins One New Chance. Das Büro- und Shoppinggebäude wartet in der 6. Etage mit einer öffentlich zugänglichen Dachterrasse auf – mit wunderbarem Blick auf St Paul’s.

St Paul’s Cathedral

Ein Gordon Ramsay Restaurant (Bread Street) gibt es auch, aber wir sind wegen der Spiegelung von St Paul’s gekommen und fahren mit dem Aufzug ein paar Mal rauf und runter.

Am Eingang zum Fahrstuhl steht ein gut 12 Meter hoher Nagel, den wir als „Kunstexpertinnen“ sofort Günther Uecker zuordnen – doch er ist von Gavin Turk. Turk erklärte, er betrachte die Skulptur als etwas Nostalgisches, denn er glaube, dass in diesem Gebäude kein einziger Nagel steckt.

Nail, Gavin Turk

Barts North Wing

Ein ganz anderes Highlight ist das Bartholomew Krankenhaus. Ja, ein Krankenhaus. Erbaut im Jahr 1123 ist es das älteste in Großbritannien, das sich noch am Originalstandort befindet. Es hat Kriege, den großen Brand, den Schwarzen Tod und den Zweiten Weltkrieg überstanden. Nach wie vor werden hier Patienten behandelt. Das Treppenhaus wurde renoviert, für 9,5 Millionen Pfund. Immer noch kein Grund ein Krankenhaus aufzusuchen,oder? Doch. Zum ersten Mal seit gut 300 Jahren ist der 1732 neu gestaltete North Wing für die Öffentlichkeit zugänglich. Dieses Treppenhaus mit seinen Holztreppen hat es in sich. Es wurde von William Hogarth gestaltet und gemalt. Vom Boden bis zur Decke. Dargestellt werden der Teich von Bethesda und der Gute Samariter. Für den Maler Hogarth sehr ungewöhnlich, denn er malte hauptsächlich politische Cartoons. Malen durfte er auch nur, weil er in direkter Nähe zum Krankenhaus wohnte und seine Dienste kostenlos anbot. Diese Wandgemälde sollten potenzielle Spender inspirieren und die Betrachter aufklären. Laut Barts Heritage handelt es sich bei den dargestellten Figuren vermutlich um Patienten des Krankenhauses, deren Leiden für das geschulte Auge oft erkennbar sind. Keine der Krankheiten ist übertrieben dargestellt, ungewöhnlich für einen Künstler, der für seine Karikaturen bekannt ist.

Treppenhaus St Barts North Wing

Vom Treppenhaus gelangen wir in den großen Saal, the Great Hall. Holztäfelungen, Stuck, ein Fensterbild von Heinrich VIII und eine Büste von Queen Victoria. Jeder Zentimeter, so scheint es, ist dekoriert mit den in goldener Schrift geschriebenen Namen der bislang mehr als 3000 Spender. Hier finden auch Konzerte und Events statt. Geöffnet sind Treppenhaus und Halle montags und dienstags von 10-16 Uhr sowie am ersten Sonntag im Monat.

Tate Gallery – Turner & Constable Ausstellung

All diese Besichtigungen sind Beiwerk. Für uns. Wir sind nach London gereist um die Turner Ausstellung in der Tate Gallery zu sehen. Genauer gesagt Turner & Constable – Rivals and Originals. J.M.W. Turner und John Constable lebten und malten zur selben Zeit. Beide malten Landschaften, doch während Turner weltweit als einer der bedeutendsten Landschaftsmaler Großbritanniens bekannt ist, war mir Constable vor dem Besuch der Ausstellung kein Begriff. Das London Magazine bringt es 1825 auf den Punkt: Constable malte die Realität und Turner die Poesie. Zum Glück haben wir schon vor Monaten Eintrittskarten zum ersten Zeitslot gekauft und sind morgens unter den ersten Besucher:innen. Manche Bilder genieße ich für mich allein – andere muss ich teilen.

J.M.W. Turner

Wie überall bei Besichtigungen werden Taschen und Rucksäcke am Eingang kontrolliert, aber wir finden es doch etwas befremdlich, dass sogar große Rucksäcke mit in die Ausstellung genommen werden dürfen. Außerdem wundert uns wie nah manche Menschen regelreicht ins Bild kriechen um ein Foto zu machen – und niemand sagt etwas.

St James’s Park

Wir wohnen fußläufig zum St James’s Park. In diesem kleinen Park in der Nähe des Buckingham Palastes steppt am Sonntag der Bär – nein, Japanerinnen und andere Asiatinnen. Die Bäume blühen, es ist Frühling, auch wenn das Thermometer an diesem Märztag nur acht Grad anzeigt, aber immerhin scheint die Sonne und die braunen Eichhörnchen stört der Rummel nicht.

London Eye

Wir spazieren an der Themse entlang zum London Eye, auch Millennium Wheel genannt. Mit 135 Metern Höhe ist es das zweithöchste Riesenrad Europas. Es wurde im Jahr 2000 eröffnet und sollte nur für fünf Jahre betrieben werden. Doch der Run hörte nicht auf. Noch immer stehen die Menschen Schlange um mitzufahren.

London Eye

Die halbstündige Fahrt mit diesem Riesenrad kostet 39 Pfund, die Fast Lane (für diejenigen, die für Europa nur drei Tage Zeit haben) mehr als 50 Pfund – dafür bekäme ich acht Törtchen inklusive Kaffee. Ihr könnt Euch denken wofür ich mich entschieden habe.

Cupcake mit Kaffee

London am Abend

Weder die Stadt noch wir stehen abends still. Wenn wir nicht im Theater oder im Musical sind, schwingen wir unsere Kameras. Dies ist wörtlich gemeint.

In den Straßen von London

Wir fahren längere Strecken mit der U-Bahn, klar, aber wir bringen es auch auf täglich etwa fünfzehn Fußkilometer. Da sehen wir natürlich viel mehr: Wir sind zu Besuch bei Wallace und Gromit, treffen einen Corgi, erfreuen uns an den immer noch roten, wenn auch leeren Telefonzellen, die als Erbe für die nächste Generation stehen gelassen wurden. Wir genießen zwischendurch Kunst, Architektur und stylische Cafés. Außerdem bin ich hoch erfreut, den Little Big Ben zu treffen – seine Kopie habe ich in Victoria auf Mahé (Seychellen) fotografiert.