100.000.000 Amerikanische Einwanderer in Mexiko: Monarchfalter

Ich hatte Fotos gesehen. Von hohen Nadelbäumen, die komplett mit Schmetterlingen besetzt waren. Von oben bis unten inklusive des Stammes. Monarchfalter. Sie lassen sich zu Millionen im Nadelwald von Michoacan / Mexiko zum Überwintern nieder. Von November bis März sind sie dort. Das wollte ich ein Mal im Leben sehen! Da ich im Februar auf meiner Reise zur Baja California einige Tage Zeit hatte, mietete ich ein Auto samt Fahrer und setzte drei verschiedene Schutzgebiete auf mein straffes Programm.

Von Mexiko-City dauert die Fahrt je nach Verkehrslage zwei bis drei Stunden. Wir stehen die meiste Zeit auf der zwei- bis fünfspurigen Autobahn. Aber manchmal fahren wir auch schneller als 100 km/h. Mario, mein Fahrer und Guide, ist ein Kamikazefahrer. Mit deutschen Regeln im Kopf jedenfalls. Wie ein Schifahrer wedelt er zwischen den Spuren hin und her; ständig hat er das Gefühl, die jeweils andere sei schneller. Rechts mit Vollgas überholen ist in Mexiko nicht verboten. Rote Ampeln sind farbliche Abwechslung, haben aber ansonsten keine Bedeutung, sofern man es schafft sich unbeschadet einzufädeln. Fährt der Vordermann auf der mehrspurigen Straße im Stopp-and-Go-Feierabendverkehr nicht zügig genug, wird er angehupt. Aber so fährt man wohl in Mexiko und als in Mexiko-City geborener Autofahrer ist Mario an den für mich chaotischen Verkehr gewöhnt. Wer anhält hat verloren – alles ist im Fluss.

Nach drei Stunden sind wir am ersten Etappenziel: Das Reservat von Piedra Herrada. Wir, Mario und ich, wandern in 2600 Metern Höhe schnaufend einen breiten Weg den Berg hinauf durch lichten Nadelwald. Es erinnert mich etwas an den Schwarzwald – allerdings gibt es dort keine separate parallele Spur für Pferde. Am Eingang hatte man uns nahegelegt, doch ein Pferd zu nehmen, doch ich verlasse mich lieber auf meine eigenen zwei Beine. Begleitet werden wir vom obligatorischen örtlichen Parkranger und einer vierköpfigen mexikanischen Familie. Ich habe nichts gegen mexikanische Familien, aber diese hier bewegt sich in Zeitlupe. Selbst wenn ich in meinen Museumsgang schalte, ist mein Bewegungsablauf schneller. Trotz meinem elf Kilo schweren Sturmgepäck aus Kamera, Zubehör und Proviant laufe ich, wenn auch heftig aus der Lunge pfeifend, schneller. Wir verlieren den Guide, aber der für uns sichtbare Weg führt den Berg hinauf. Wir sehen ein paar Schmetterlinge in der Luft und hin und wieder einen an einer Blüte, aber das ist alles.

Wir fahren weiter nach El Rosario, einem der bekanntesten Schutzgebiete. Ach ja, Biosphärenreservat der UNESCO sind diese Reservate ebenfalls. Um 17:10 Uhr sind wir da; um 17 Uhr wurde das Eingangstor geschlossen. Pech. In Deutschland. Mario diskutiert mit dem Chef der Ranger. Da es erst in zwei Stunden dunkel wird, willigt dieser ein, mich noch ins Schutzgebiet zu lassen. Zu Fuß wäre ich eine Stunde unterwegs, das ist zu knapp, ich müsse für umgerechnet 9,- Euro ein Pferd mieten. Mach’ ich. Egal. So schwinge ich mich mit voller Ausrüstung auf den armen „Lobo“ der eigentlich schon Feierabend hatte. Gut eine halbe Stunde dauert der Ritt, auf dem staubigen steilen Pfad den Berg hinauf. Oben angekommen sehe ich einige Tausend Monarchfalter an Ästen hängend. Von den letzten Sonnenstrahlen werden ihre Flügel angestrahlt. In der Luft liegt ein ständiges Knistern – der Flügelschlag der Schmetterlinge. Nur eine Viertelstunde ist mir hier oben vergönnt, dann mahnt Lobos Besitzer Juan zum Aufbruch. Er hat den Auftrag mich noch im Hellen wieder vom Berg zu bringen.Wir übernachten 12 Kilometer von El Rosario entfernt in Angangueo bei Don Bruno. Zwei große Reisebusse stehen schon vor der Tür. Massentourismus hatte ich hier nicht erwartet! Am nächsten Morgen sitzen wir im Auto noch bevor sich die Gruppen zum Frühstück versammelt haben. Ha. Ausgetrickst! Das Schutzgebiet der Sierra Chincua ist nur wenige Kilometer entfernt. Wir sind die Ersten. Der große Parkplatz und die neuen reihenhausähnlichen Holzbauten in denen Souvenirshops und Garküchen untergebracht sind, lassen auf mehr als täglich zwei Touristen schließen. „Zwischen November und März kommen jährlich 30.000 Besucher hierher“, erklärt Ricardo, unser Guide. Er empfiehlt mir den etwas längeren Weg mit einigen großartigen Aussichtpunkten. Wunderbar. Ich laufe gern. Wir sind in einer Höhe von 3300 Metern, da könnte die Aussicht schon spannend sein – wenn das Tal nicht im Gegenlicht läge. Macht nichts, der Spaziergang durch den Wald ist schön und sobald die Sonne scheint flattern überall um uns herum Schmetterlinge. Das Leben dieser Tiere ist überaus faszinierend. Die Schmetterlinge, die hier überwintern, wurden im Norden der USA oder Kanada geboren und ihre einzige Aufgabe besteht darin zu fliegen. Ab in den Süden, wenn es in Nordamerika kalt wird. Während des Fluges schließen sie sich zu riesigen Schwärmen von einigen 100 Millionen Faltern zusammen. In Mexiko angekommen, heften sie sich an Nadelbäume und warten bis es im Februar/März wieder wärmer wird. Frühling. Frühlingsgefühle. Nun haben die Falter nur noch eins im Sinn: Vermehrung. Aber flott, bevor sie sterben. Die Raupen und die Schmetterlinge sind ganz normal entwickelt. Sie leben nur vier bis sechs Wochen, pflanzen sich fort und fliegen immer dorthin wo sie ihre Lieblingsnahrung vorfinden – Seidenpflanzengewächse. Die Rückreise der Tiere in den Norden geht über drei Generationen, die vierte Generation wird wieder geboren um zu fliegen. Sie lebt bis zu zehn Mal länger als ihre Vorfahren damit sie den langen Weg nach Mexiko schafft. Das bedeutet, diese Schmetterlinge, die jetzt um mich herum flattern haben eine 4000 Kilometer lange Reise hinter sich. Nimmt man ihre Größe und überträgt diese Reise auf den Menschen entspräche es einer elfmaligen Erdumrundung!Als wir nach der durchaus aussichtsreichen Waldwanderung bei den fünf Bäumen ankommen an deren Ästen Schmetterlinge hängen, müssen wir den Pfad mit 20 Japanern und gut 40 nicht zu überhörenden Amerikanern teilen. Die Japaner schauen schweigend gebannt nach oben – dort hängt ein kleiner Pulk Falter im Gegenlicht. Doch, oh weh, puff da fliegen sie schlagartig alle weg in alle Himmelsrichtungen. Wurden sie erschreckt ob der Menschenansammlung im Wald oder waren es die wärmenden Sonnenstrahlen auf ihren Flügeln, die sie zum fortfliegen animierten? Wir machen uns auf die Suche nach blühenden Pflanzen und werden fündig: Schmetterlinge über Schmetterlinge teilweise im Streit um eine Blüte.

Es war spannend und aufregend diese Tiere in dieser Menge zu sehen, aber interessanter sind die Monate November und Dezember. Doch Vorsicht: Auch in Mexiko ist dann Winter und in dieser Höhe kann es zu Frost kommen, also in jedem Fall Handschuhe und Mütze einpacken und früh losfahren.