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Auf dem Weg nach Chachapoyas

"Nein, den Machu Picchu haben wir nicht gesehen, auch nicht die Nazca-Linien oder den Titicacasee". "Aber was gibt's denn sonst noch in Peru?", fragen uns einigermaßen ratlos unsere Freunde. "Wir waren in Chachapoyas." "Klingt spannend, ist das im Urwald?" Wieder verneinen wir.

Chachapoyas liegt im Norden in den Bergen auf 2300 m Höhe. Der 30.000 Einwohner zählende Ort hat zwar einen Flughafen, der jedoch nach einem schweren Unfall zurzeit nicht von regulären Linienmaschinen angeflogen wird. So sind wir von Frankfurt zunächst direkt nach Chiclayo geflogen. So direkt wie man halt dorthin fliegen kann, mit kurzen Stopps in Madrid, Santiago de Chile und Lima. 19 Stunden reine Flugzeit, sieben Stunden Zeitverschiebung! Von Chiclayo, die Stadt liegt an der Pazifikküste 780 km nördlich von Lima, nehmen wir den Nachtbus nach Chachapoyas. In verschiedenen Reiseberichten hatte ich Warnungen gelesen: In Peru auf gar keinen Fall mit den Nachbussen fahren! Mitreisende stehlen das Handgepäck, Banditen bauen Straßensperren und rauben alle Passagiere aus! Aber wir finden auf die Schnelle keine Gesellschaft die tagsüber nach Chachapoyas fährt, also sitzen wir am Abend im komfortablen, modern ausgestatteten Nachtbus von Movil-Tours der pünktlich um 20 Uhr abfährt. Die Bordhostess serviert ein Brötchen und einen Becher Inca Cola (eine gelbliche Limo die wie flüssige Gummibärchen schmeckt). Kurz darauf wird per Video ein Kriegsfilm aus dem Balkankrieg gezeigt und gegen 23 Uhr geht das Licht aus. Schlafenszeit! Ich klemme meinen Tagesrucksack mit meiner Kameraausrüstung zwischen die Füße und versuche zu schlafen. Der Busfahrer hat's eilig und drückt das Gaspedal durch, so lange es geht, denn bald darauf beginnt die Schotterpiste. Wir werden ordentlich durchgerüttelt. Dann wird unser Vehikel langsamer, wir halten an. Gleißend helles Licht von vorne. Mein Herz fängt an zu rasen, denn ich denke sofort: ,Gleich besteigen schwarzmaskierte Männer den Bus und zwingen uns mit vorgehaltener Waffe zum Aussteigen!' Das hatte ich in mehreren Reiseberichten gelesen und man hatte uns ja auch gewarnt. Doch nein, nur ein entgegen kommender LKW der die einspurige Brücke vor uns passieren darf. Der Bus fährt weiter, die Straße wird kurvenreicher, mein Rucksack rutscht mal nach rechts und mal nach links zum Gang hin. Ich halte ihn krampfhaft fest zwischen die Beine geklemmt. Plötzlich hält der Bus mit quietschenden Reifen abrupt an. Wieder blendet Licht von vorn. ,Jetzt kommen die Banditen!' Aber wieder nur Gegenverkehr auf schmaler Straße. Ich mache in dieser Nacht kein Auge zu, denn Mord und Totschlag will nicht aus meinem Hirn weichen. Um 4.29 - eine Minute zu früh - sind wir in Chachapoyas. Es ist noch stockfinster und ich bin völlig geschafft, teilweise von den sieben Stunden Jetlag, doch hauptsächlich von meinen negativen Gedanken. Ich hoffe jetzt nur, dass die Reservierung des Hotelzimmers per E-Mail von Deutschland aus geklappt hat und dass wir, wenn wir Glück haben, unser Gepäck an der Rezeption abstellen dürfen, um dann irgendwo einen Kaffee zum Aufputschen zu trinken. Nachdem wir unser Gepäck gegen Vorlage des Gepäckabschnitts wohlbehalten zurückbekommen haben, wollen wir ein Taxi suchen. Ein junger Mann kommt langsam auf mich zu (wir waren die einzigen Touristen im Bus). Schüchtern fragt er: "Astrid?" "Ja - das bin ich!?" Er kommt vom Hotel und holt uns ab! Im Hotel, einem alten Kolonialbau mit dem bezeichnenden Namen "Casa Vieja" (altes Haus), dürfen wir unser Zimmer sofort beziehen, ohne Aufpreis um 5 Uhr morgens! Nachdem wir eine Runde auf guter Matratze in einem wunderschön eingerichteten Zimmer geschlafen haben, machen wir uns frisch und munter an die Erkundung der Stadt.

Chachapoyas ist Hauptstadt der Region Amazonas und wurde bereits 1538 von dem spanischen Conquistador Alonso de Alvarado gegründet. Der Hauptplatz (Plaza de Armas) ist ganz in kolonialem Stil gehalten. Wir buchen Tagestouren nach Kuelap, Karajia, Revash und Leimebamba. Es gibt nur wenige Touristen in Chachapoyas und so fahren wir mal zu zweit mit einem Taxi, mal zu Viert; nur nach Kuelap kommen 12 Personen zusammen. Die Festung Kuelap liegt nur 70 km von Chachapoyas entfernt, doch für die Berg- und Talfahrt dorthin benötigen wir ganze vier Stunden. Kuelap, die gewaltige Festungsanlage der Chachapoya-Indianer, liegt auf einem Plateau in 3000 m Höhe. Die Chachapoya-Indianer wurden zwar von den Inka unterworfen, aber Kuelap konnte nie eingenommen werden; die nachfolgenden Spanier fanden sie erst gar nicht. Die Anlage entstand etwa im 12 Jh. und besteht aus einer bis zu 20 m hohen, 1,5 km langen Ringmauer. Nur drei Zugänge unterbrechen den unüberwindbaren Wall. Es sind 60 m lange Gassen, die sich konisch verengen und nur jeweils einem Eindringenden den Zugang gestatten. Innerhalb der Mauer befinden sich die Reste von 420 Rundbauten, die über drei Plattformen verteilt sind. Die Bauten wurden zum Teil von den Archäologen freigelegt, doch immer noch verleihen hohe Bäume, schwer beladen mit Aufsitzerpflanzen, der Anlage etwas Mystisches.

Unser nächster Ausflug führt nach Karajia, einer Begräbnisstätte der Chachapoya. In einer unzugänglichen Felswand stehen bis zu 2 m hohe Sarkophage in Form übergroßer menschenähnlicher Gestalten. Das Aussehen dieser Figuren erinnert stark an die steinernen moais auf der Osterinsel. Doch die Figuren in Karajia bestehen aus Holzgerüsten, die mit einer Mischung aus Lehm und Stroh modelliert wurden. Im Inneren hockte die mumifizierte Leiche eines Chachapoya. Leider wurden auch diese unzugänglichen Gräber von Grabräubern geplündert.

Rings um Chachapoyas gibt es unzählige weitere Ausgrabungsstätten, größere und kleinere Festungen und Grabanlagen, die zu Fuß oder mit dem Taxi erreicht werden können. Die Taxifahrer sind überaus hilfsbereit und betätigen sich gern als Reiseführer. Viele tragen Westen mit der Aufschrift: Turismo es trabajo para todos (Tourismus bedeutet Arbeit für alle). In Chachapoyas hat der Tourismus noch nicht richtig Fuß gefasst, das wird uns deutlich bewusst als wir nach fünf Tagen wieder abreisen möchten. Wir kaufen zuerst die Bustickets (wieder eine Nachtfahrt) und wollen danach Geld tauschen. Die erste der beiden ansässigen Banken wechselt nur Dollar und schickt uns zur anderen Bank. Voller Hoffnung warten wir bis die zweite Bank nach der Mittagspause öffnet und fragen nach dem Geldwechsel. Die Dame am Kassenschalter schaut uns mit mindestens vier Fragezeichen in ihren Augen an "Euro???? Nein, wir tauschen nur Dollar!" "Aber wir haben keine Dollar, wir sind Europäer!" Wir fragen, ob wir auf unsere MasterCard Kreditkarte Bargeld bekommen, aber man akzeptiert nur Visa oder Amex. Unser Hotel nimmt gar keine Kreditkarten, also kratzen wir unsere gesamte Barschaft an Soles zusammen und verzichten auf das Abendessen. Im Bus wird zum Glück ein Sandwich serviert. Der Film ist dieses Mal eine fröhliche amüsante Komödie und ich schlafe danach tief und fest. Überfälle? Nein, in dieser Gegend nicht!

In Trujillo, unserer nächsten Station, tauscht man an fast jeder Ecke Euro; MasterCard wird in Banken und Wechselstuben akzeptiert, es ist sogar möglich, mit EC-Karte Geld aus dem Automaten zu ziehen. In Huaraz und Chiclayo ist es nicht anders - nur eben in Chachapoyas (noch) nicht.

Überall im Land sind die Menschen sehr hilfsbereit und freundlich, wir haben uns während der ganzen dreiwöchigen Reise nie unsicher gefühlt. Im Gegenteil, immer wieder werden wir interessiert nach unserer Herkunft gefragt und nach unserer Antwort hören wir immer wieder denselben freudigen Satz: "Ah Alemania - Welcome to Peru"!

Weitere Informationen und Literaturtipps finden Sie unter Länderinfos und etlliche Fotos der gesamten Reise gibt's unter Fotografie auf Reisen.
Mumienbehälter von Karajia
Festung Kuelap
Festung Kuelap