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Unterwegs in Patagonien

Da sitzen wir, mein Mann und ich, gestrandet im Busbahnhof von Comodoro Rivadavia, einer Industriestadt an der Küste Argentiniens. Wir sind auf dem Weg nach Puerto Deseado doch heute streiken die Bauarbeiter zwischen Comodoro und Puerto Deseado. Und was haben wir mit streikenden Bauarbeitern zu tun? Nun, die Bauarbeiter möchten mehr Lohn für ihre harte Arbeit und blockieren die Nationalstraße 3, die einzige Verbindung zwischen Comodoro und Puerto. Diese Straße ist keine Provinzpiste, es ist vielmehr die direkte Verbindung zwischen der Hauptstadt Buenos Aires und dem 2.500 km entfernten Rio Gallegos und durchaus mit unserer A 3 vergleichbar - nur halt mit etwas weniger Verkehr. Da es keine Lautsprecherdurchsagen gibt, stelle ich mich im halbstündigen Rhythmus am Schalter der Busgesellschaft an, um den Stand der Dinge zu erfahren. Seit 2 Stunden geht das so und plötzlich heißt es: Die Blockade ist aufgehoben, in 5 Minuten geht's los, Bahnsteig 3. Also nix wie hin. Der Bus fährt aus der Stadt raus, an der Küste entlang etwa 45 Minuten und dann stehen wir. Vor uns ein Korso aus 10 bis 12 Autos und davor Menschen, die auf der Straße sitzen. Links das Meer, rechts Pampa. Keine Seitenstraße, kein Feldweg, kein Ausweg. Offensichtlich lassen die Streikenden hin und wieder Fahrzeuge passieren um dann wieder abzuriegeln. Wir warten. Der Busfahrer greift zum Handy und telefoniert. So erfährt er, dass sein Kollege aus der Gegenrichtung gut einen Kilometer von uns entfernt festsitzt. Die Blockade ist genau dazwischen. Also werden alle Passagiere gebeten auszusteigen, ihr Gepäck zu schultern und zum anderen Bus zu wandern. Unter lautem, aber freundlichem Gejohle und Getrommel passieren wir die Blockade. Es sind maximal 20 Männer, die diese Straße lahm gelegt haben. Jeder der wartenden Autofahrer scheint Verständnis für die Arbeiter zu haben, alle üben sich in Geduld, niemand schimpft. Polizei ist weit und breit nicht zu sehen. Unterwegs treffen wir die Passagiere aus dem Bus der Gegenrichtung, genau so beladen wie wir. So ungefähr habe ich mir immer einen Agentenaustausch vorgestellt! Kurz darauf erreichen wir den Gegenbus, steigen ein, der Fahrer wendet in vier Zügen unter freundlicher Mithilfe der vor und hinter ihm wartenden Autofahrer, dann brausen wir unserem Ziel entgegen. Im letzten Abendlicht erreichen wir Puerto Deseado.

Puerto Deseado lebt hauptsächlich vom kommerziellen Fischfang, doch die Fangflotte, bestehend aus etwa 40 Booten, liegt zurzeit im Hafen. Von Dezember bis März ist Schonzeit für die Fische und Zwangsurlaub für die Fischer. Der Rio Deseado mündet eigentlich hier in den Atlantik. Der Fluss hat jedoch so wenig Wasser und die Meeresströmung ist so stark, dass salzhaltiges Meerwasser bis auf 40 km landeinwärts drückt. Das wiederum hat zur Folge, dass das seichte Flussdelta mit seinen Steilklippen und ein paar kleinen Inseln ein ideales Brutgebiet für Meerestiere bildet. Es gibt Delphine, fünf Arten Kormorane darunter die seltenen grauen Kormorane, Seeschwalben, Seebären, Nachtreiher, Austernfischer, Magellan- und Felsenpinguine und viele andere. Die nette Dame von der Touristeninformation am Busbahnhof hatte uns bereits darauf aufmerksam gemacht, dass Boots-Ausflüge in das Flussdelta angeboten würden. Wir entscheiden uns für eine 3-stündige Tour mit einem nagelneuen Zodiak. Als Erstes sind wir plötzlich von fünf der äußerst seltenen Jacobiter-Delphine umgeben, die allerdings mit ihrer Futtersuche stark beschäftigt sind und nur für wenige Sekunden zum Luft holen auftauchen. Ich fotografiere, aber auf dem Foto sind nur noch die Wasserspritzer zu sehen.

Die Kormorane sind fotogener. Die teilweise komplett schwarzen Vögel brüten auf den eigentlich schwarzen Felsen. Fotogen? Schwarzer Vogel auf schwarzem Gestein stellt ziemlich hohe Anforderungen an den Betrachter, oder? Im Prinzip ja, aber da die Vögel seit Jahren hier brüten haben sie die Felsen von oben bis unten mit ihrem weißem Kot getüncht und schwarzer Vogel auf weißem Grund ist deutlich zu sehen! Doch es soll noch besser kommen.

Auf der Isla de los Pajaros brüten Magellan Pinguine. Eine ganze Armada Halbwüchsiger steht am Strand und wartet auf die Rückkehr ihrer Eltern, die sie mit frischem Futter versorgen. Auch wir acht Touristen dürfen an Land gehen. Die Jungpinguine weichen zurück und halten etwa 12 bis 15 m Sicherheitsabstand. Ich habe ein Teleobjektiv dabei, die Distanz ist also nicht so tragisch. Um mit den Pinguinen auf eine Höhe zu kommen, lege ich mich flach auf den Boden. Ich amüsiere mich über ihr Gefieder. Sie sehen aus wie kleine Punkies, denn die dicken Flauschfedern sind bei vielen zum Teil schon ausgefallen und geben jetzt einen Teil des 'Tauchanzugs' frei, mit dem sie später im eiskalten Meerwasser schwimmen können ohne zu erfrieren.

Die etwa einen halben Meter großen Kerlchen stehen in kleinen Gruppen da und beäugen mich mit mal nach rechts und mal nach links geneigtem Kopf. Sie haben offensichtlich Bedenken näher zu kommen, aber dann siegt die Neugierde. Einer macht ein Schrittchen nach vorn, der nächste zieht nach und so kommen sie Schritt für Schritt näher. Nach wenigen Minuten bin ich umstellt von gaffenden Pinguinen! Eine zu hastige Bewegung mit der Kamera genügt jedoch, um sie im Pinguin-Eiltempo wieder auf Distanz zu bringen.
Nach einer Stunde müssen wir die Insel wieder verlassen, die Flut kommt und wir müssen den Strand für die Altpinguine räumen, die jetzt mit Krill vollgefuttert, an Land kommen um ihre Jungen zu füttern.
Doch morgen ist auch noch ein Tag. Das Wetter ist gut, der Fahrt zur Isla Pinguino steht nichts im Wege.

Die steinige Kinderstube der Felsenpinguine, die Isla Pinguino, liegt 11 km vor der Küste Puerto Deseados. Vor 100 Jahren war das Eiland unter den Robbenjägern gut bekannt, denn sie versorgten sich hier mit Proviant in Form von Vogeleiern und Robbenfett. Es gab sogar einen Marinestützpunkt und einen Leuchtturm. Heute sind vom Stützpunkt nur Ruinen geblieben, einzig der Leuchtturm steht noch gut erhalten und weithin sichtbar; in Betrieb ist er schon lange nicht mehr.

Wie in die Ria Deseado wird auch diese Tour mit einem festen Schlauchboot durchgeführt. Knapp eine Stunde dauerte die Fahrt hinaus über's offene Meer. Bei der rundherum zerklüfteten, felsigen Insel angekommen stoßen wir auf die erste Herausforderung: Es gibt keinen Steg. Warum auch, der Ort wird heute von der Spezies Mensch nur noch selten besucht und die Spezies Pinguin hat damit kein Problem. Claudio, unser Kapitän, sucht einen für uns geeigneten Landeplatz. Das Gestein ist überwachsen mit glitschigen Algen, hier können wir auf keinen Fall aussteigen, das Zeug ist glatt wie Schmierseife. Aber nach dem dritten Anlauf findet Claudio eine nicht ganz so steile Stelle, die mit Muscheln bewachsen ist. Hier können wir halbwegs stehen und krakseln den Berg hinauf, dabei müssen wir aufpassen, dass wir den Pinguinen nicht zu nahe treten, die hier ihre Nester haben. Mir würde es auch nicht gefallen wenn nicht geladene Gäste quer durch mein Haus laufen! Die Nester sind für uns kaum auszumachen, sie bestehen lediglich aus ein paar Holzstöckchen und Steinchen.

Nur widerwillig rücken sie ein Stück beiseite. Eindringlinge wollen sie nicht! Oder vielleicht doch? Mit ihren roten Augen schauen sie jedenfalls neugierig und interessiert, den Kopf mal nach links und mal nach rechts gewendet. Felsenpinguine kehren jedes Jahr im Oktober zum selben Nest zurück um zu brüten. Jetzt, im Februar, sind die Kleinen schon keine Babys mehr sondern Jugendliche, die bereits ihre volle Größe von etwa einem halben Meter erreicht haben. Sie sind gerade dabei ihr zweites Daunenkleid abzulegen und sehen recht schnittig aus mit ihrer Haartracht. Am liebsten würden wir den ganzen Tag das bunte Treiben dieser lustigen Gesellen beobachten und fotografieren, doch für heute Nachmittag ist Sturm angesagt. Nach einer kurzen Rücksprache per Funk mit dem Festland müssen wir sogar auf unser idyllisches Mittagspicknick unter Pinguinen verzichten – Claudio ist besorgt und ruft zum Aufbruch. Wie heikel die Situation schon ist, bemerken wir erst, als wir wieder ins Boot steigen wollen. Das Schlauchboot geht vor unseren Augen hoch und runter, im richtigen Moment sollen wir hineinspringen. So etwas machen wir steifen Büromenschen natürlich nicht alle Tage, einige versuchen es mit einem Kopfsprung, andere werden von bereits im Boot befindlichen Mitreisenden am Schlawittchen hineingezogen, wobei zwar die Beine im Meer getunkt werden, aber nass werden ist mittlerweile allen egal, Hauptsache irgendwie heile ins Boot zurück. Zum Schluss wird noch unser Lunchpaket an Bord geworfen und dann geht's mit voller Kraft zurück. Von jeder Welle werden wir geduscht, ich bin angeblich grün im Gesicht, denn wohl ist mir überhaupt nicht; hoffentlich bringe ich meine neue Kamera heile zurück an Land. Claudio kann das alles gar nicht beeindrucken. Er war mit 16 Jahren schon als jüngstes Crewmitglied in einem Schlauchboot in der berüchtigten Magellanstraße unterwegs, das bisschen Wind ist doch lächerlich!
Nach gut einer Stunde haben wir wieder festen Boden unter den Füßen. Der Sturm hat mittlerweile kyrillähnliche Ausmaße erreicht, in ganz Puerto Deseado ist der Strom ausgefallen, aber die Dusche ist kochend heiß und meine Kamera hat auch überlebt.
Die anfänglich etwas beschwerliche Fahrt nach Puerto Deseado hat sich voll gelohnt - wir kommen wieder! Neben der Tierwelt lohnt sich auch ein Besuch des alten Bahnhofs.

Weitere Fotos finden Sie unter Fotografie auf Reisen sowie Literaturhinweise und Links über Länderinfos.

 
Magellanpinguin
Magellanpinguine
Magellanpinguin